Pressemitteilung
Essen/Berlin, 27.09.2023

Teilhabe für Alle: Das Berlin-Institut hat über anderthalb Jahre sechs Landkreise und kreisfreie Städte mit teilhabeorientierten Konzepten bei ihrer Integrationsarbeit begleitet. Das von der Stiftung Mercator geförderte Forschungsprojekt soll untersuchen, wie teilhabeorientierte Integrationspolitik in der Praxis funktioniert – wie konstruktiv mit Zuwanderung und gesellschaftlicher Vielfalt umgegangen werden kann. Fazit: Ein Patentrezept für Teilhabe gibt es nicht. Stattdessen überzeugen individuelle Konzepte und unermüdliche Überzeugungsarbeit bei Kommunalpolitiker*innen.

Untersucht wurden die Integrationsarbeit von Neumünster in Schleswig-Holstein, Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt, das Altenburger Land in Thüringen, den Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg, den Wetteraukreis in Hessen sowie den Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen. Zahlreiche Interviews und Gruppengespräche mit Mitarbeitenden in der Verwaltung, Beschäftigten bei Trägern der Integrationsarbeit, Teilnehmenden von Maßnahmen sowie ehrenamtlich Engagierten geben Einblick, wie teilhabeorientierte Integrationsarbeit gelingt, auf welche Hürden die Beteiligten stoßen und wie sie diese überwinden.

Geld, politischer Rückhalt und gute Kooperation im Netzwerk sind unerlässlich

„In allen Regionen setzen sich Menschen leidenschaftlich für mehr Teilhabe ein“, so Adrián Carrasco Heiermann, Mitautor der Studie. „oft fehlt es aber an einer durchgängigen Finanzierung ihrer Arbeit.“ Häufig laufen die Fördermittel nach wenigen Jahren aus, der Bedarf, Teilhabe für alle zu stärken, hingegen besteht fort. Wichtig ist für die Integrationsbeauftragten auch, dass die Lokalpolitik, also Kreistage und Stadträte, und die Verwaltungsspitzen mitziehen, damit alle Maßnahmen rund um Teilhabe, Diversität und Antidiskriminierung auch verbindlich umgesetzt werden. „Und nicht zuletzt kommt es vor allem darauf an, dass die lokalen Netzwerke aus Verwaltungen, Trägern, Vereinen und freiwillig Engagierten gut zusammenarbeiten und eine Vision für das Zusammenleben teilen“, so Carrasco Heiermann weiter.

Was können die Verantwortlichen vor Ort tun?

Eine Blaupause für mehr Teilhabe existiert nicht, dafür unterscheiden sich die Ausgangslagen zwischen den Regionen zu stark – von der Zuwanderungsgeschichte über die sozioökonomische Situation und politischen Kräfteverhältnisse und die Gesetze in den Bundesländern bis hin zu den Netzwerken vor Ort. Die Verantwortlichen verfolgen daher vielfältige Strategien, um eine teilhabeorientierte Integrationspolitik zu verwirklichen.

Sie werten zum Beispiel soziodemografische Daten aus und führen unzählige Gespräche, um die Bedürfnisse vor Ort zu ermitteln. In Workshops sensibilisieren sie ihre Kolleg*innen für den Umgang mit eigenen Vorurteilen, für barrierearme Kommunikation und Diversität. Sie werben in unermüdlicher Überzeugungsarbeit bei Kommunalpolitiker*innen und anderen Schlüsselpersonen für ihren teilhabeorientierten Ansatz. Und vor allem koordinieren sie die lokalen Netzwerke und regen die Beteiligten an, Angebote zu entwickeln, die offen für alle Bewohner*innen sind, die davon profitieren können.

Auf Konzepte sollten Taten folgen

Viele Kreise und Städte haben sich eine teilhabeorientierte Integrationspolitik bereits vorgenommen, etwa indem sie diese in einem Integrationskonzept festgeschrieben haben. „Doch die für Integration verantwortlichen Personen müssen kontinuierlich dafür kämpfen, dass diese Konzepte tatsächlich umgesetzt werden“, sagt Catherina Hinz und fordert: „Landrät*innen und Oberbürgermeister*innen sollten ebenso wie die Mitglieder der Kreistage und Stadträte Zuwanderung als Chance begreifen und teilhabeorientierte Integrationspolitik als Instrument verstehen, das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft zu gestalten.“

Teilhabeorientierte Integrationsansätze

„Teilhabeorientierte Integrationspolitik soll die Chancen aller Menschen vor Ort stärken und Hürden in allen wichtigen Lebensbereichen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit oder Wohnen abbauen“, sagt Frederick Sixtus, Mitautor der Studie. Kreis- und Stadtverwaltungen sehen Integration nicht als losgelöstes Themenfeld, sondern als Teil der Sozialpolitik. Vom Antrag im Bauamt bis zur Familienberatung sollen alle Abteilungen Teilhabe und Integration mitdenken. Dadurch stehen Verwaltungsleistungen und Maßnahmen der Integrationsarbeit im besten Fall allen offen, die benachteiligt sind. „Die Angebote vor Ort wenden sich so an alle Bewohner*innen, die davon profitieren können. Warum sollte beispielsweise das Wissen über die eigenen Rechte als Mieter*in nur für einen Teil der Menschen wichtig sein?“, so Sixtus weiter.

Immer mehr Kreise und kreisfreie Städte denken Integration auf diese Weise neu und schreiben sich teilhabeorientierte Integrationspolitik auf die Fahne. Das Berlin-Institut hat 2021 alle Integrationskonzepte deutscher Kreise und Städte analysiert. Von den 400 Kreisen und kreisfreien Städten verfügten 221 bereits über ein Integrationskonzept. Seit 2016 zählen hierzu auch viele ländliche Regionen. Rund zwei Drittel der Integrationskonzepte legen ein teilhabeorientiertes Integrationsverständnis zugrunde. Ihnen geht es im Kern um die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen. Sie wertschätzen die internationale Vielfalt vor Ort als Potenzial und begreifen sie vor allem als eines: den Normalfall.

ZUR PUBLIKATION:

„Alle sollen teilhaben. Wie Kreise und Städte Integration neu denken“

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