Pressemitteilung
19.04.2012

Berlin, 19. April 2012. Internationale Studierende sind potenzielle hoch qualifizierte Zuwanderer: sie sind jung, gut ausgebildet und mit Land und Leuten bereits vertraut. Doch bislang gelingt es nicht ausreichend, sie nach dem Studium als Fachkräfte im Land zu halten. Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat die Bleibeabsichten von Studierenden aus Nicht-EU-Staaten in fünf europäischen Ländern untersucht. Die Studie „Mobile Talente? Ein Vergleich der Bleibeabsichten internationaler Studierender in fünf Staaten der Europäischen Union“ wurde in Kooperation mit der Migration Policy Group (MPG) mit Sitz in Brüssel durchgeführt. Das Forschungsprojekt wurde von der Stiftung Mercator gefördert.

Für die Studie wurden 6.239 Studierende an 25 Universitäten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden im Rahmen einer Online-Erhebung befragt. In dem Forschungsprojekt wurde u.a. untersucht, welche Motive bei der Entscheidung ausschlaggebend sind, nach dem Abschluss eine Arbeit im Studienland zu suchen. Es wurden ausschließlich Master-Studierende und Doktoranden befragt, die ein höheres Interesse haben, nach dem Abschluss im Studienland einen Job zu finden als Bachelor-Studierende. Die Ergebnisse sind daher besonders aussagekräftig. Für die Studie erfolgte zudem eine umfangreiche Analyse der rechtlichen Regelungen für den Übergang internationaler Studierender in den Arbeitsmarkt der Studienländer.

Zwischen der Bleibeabsicht und ihrer Verwirklichung liegt eine tiefe Kluft: zwei Drittel der Befragten würden gerne im Studienland bleiben. Tatsächlich bleiben nur rund ein Viertel in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden bzw. ein Drittel in Frankreich. „Die Diskrepanz zwischen Bleibeinteresse und realisiertem Verbleib weist auf erhebliche Hürden hin“, sagte die Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, Dr. Gunilla Fincke. „Die Untersuchung zeigt deutlich, dass keines der fünf Länder die Potenziale der internationalen Studierenden ausschöpft.“ Zugleich zeigen sich in den untersuchten Ländern gegenläufige Tendenzen: Während Deutschland eine überfällige Liberalisierung einleitet, ist in Großbritannien und den Niederlanden derzeit ein gegenläufiger Trend zu beobachten. In Großbritannien wird der Verbleib nach dem Studium erschwert, in den Niederlanden werden die Zulassungskriterien für internationale Studierende verschärft. Wie die Studie zeigt, werden solche politischen Entscheidungen von internationalen Studierenden genau beobachtet.

Die beiden wichtigsten Motive für den Verbleib im Studienland sind die guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und der Wunsch, internationale Berufserfahrung zu sammeln. „Das Studium im Ausland und erste Berufserfahrungen werden als ‚Gesamtpaket‘ gesehen“, sagte Fincke. „Dabei werden die Arbeitsmarktchancen in Deutschland besonders positiv eingeschätzt. Diese günstige Ausgangssituation sollte genutzt werden, um internationale Studierende stärker als bisher als Fachkräfte zu gewinnen.“ Der überwiegende Teil der bleibewilligen Studierenden will nur zeitweilig im Studienland bleiben. Nur wenige Befragte – zwischen 5,3 Prozent in Großbritannien und 12,5 Prozent in Deutschland – planen, länger als fünf Jahre im Studienland zu bleiben. Die verbreitete Annahme, dass internationale Studierende von vornherein ein Sprungbrett zur dauerhaften Einwanderung in ein hoch entwickeltes Land suchen, erweist sich damit als falsch.

Der direkte Vergleich zwischen Bleibe- und Rückkehrwilligen zeigt, dass erstere schon häufiger Arbeitserfahrungen in dem jeweiligen Land gesammelt haben, in der Tendenz jünger sind und seltener Kinder haben. Auch bei Studienfächern und Herkunftsländern werden Unterschiede deutlich: Studierende der Ingenieur- und Naturwissenschaften wollen häufiger bleiben als Sozial- und Geisteswissenschaftler. Studierende aus asiatischen Ländern (vor allem aus China und Indien) sowie Osteuropa wollen eher bleiben als Studierende aus Nord- wie Südamerika und Afrika. Eher bleiben diejenigen, die besser über die rechtlichen Regelungen informiert sind, besser Deutsch sprechen und zufriedener mit ihren Studienbedingungen sind. Dies sind wichtige Ansatzpunkte für gezielte Maßnahmen von Politik und Hochschulen.

Die Studie identifiziert aber auch Hürden: es fehlt vor allem an Informationen über die rechtlichen Möglichkeiten, nach dem Abschluss im Studienland zu bleiben. In Deutschland waren diese nur einem Viertel der Befragten bekannt; zudem beklagten viele einen Mangel an englischsprachigen Informationsmaterialien. Im Gegensatz dazu waren die rechtlichen Regelungen in den Niederlanden und Großbritannien mit 37,9 Prozent und 42,4 Prozent am bekanntesten. Dies könnte damit zusammenhängen, dass es in diesen Ländern einen eigenen Aufenthaltstitel für die Übergangsphase nach dem Studium gibt. In allen Ländern empfand ein erheblicher Teil der Studierenden den Zugang zu Informationen über rechtliche Regelungen als „schwer oder sehr schwer“. Deutschland belegt mit 31,7 Prozent einen Platz im Mittelfeld.
Diskriminierungserfahrungen können sich darauf auswirken, wie wohl sich Studierende im Studienland fühlen. Nach Frankreich (39,9 Prozent) schneidet Deutschland beim Thema Diskriminierung am zweitschlechtesten ab: 39,4 Prozent der Befragten erklärten, sie hätten Vorurteile oder Diskriminierung gegen Ausländer erfahren. Im Vergleich fiel die Diskriminierungserfahrung in Großbritannien mit 27,4 Prozent am geringsten aus.

Studierende bringen in der Regel sehr gute Voraussetzungen als hoch qualifizierte Zuwanderer mit. Doch ein Studienaufenthalt allein beseitigt nicht alle Hindernisse, vor denen Zuwanderer generell stehen, wie z.B. mangelnde Kenntnisse der Landesprache oder fehlende berufliche Netzwerke. „Die Integration internationaler Studierender am Arbeitsmarkt ist kein Selbstläufer“, sagte die Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, Dr. Gunilla Fincke. Bei der Vorstellung erster Ergebnisse der Studie für Deutschland hatte der SVR-Forschungsbereich im November 2011 daher gefordert, u.a. die stark eingeschränkten Arbeitszeiten während der Phase der Jobsuche nach dem Studienabschluss zu lockern. Dies sieht nun der Gesetzentwurf für die Umsetzung der Hochqualifiziertenrichtlinie vor. Zudem sollen Absolventen künftig 18 Monate statt bisher 12 Monate Zeit haben, einen angemessenen Job zu finden. „In Deutschland sind damit die Weichen für eine überfällige Liberalisierung der Regelungen für internationale Hochschulabsolventen gestellt. Der Gesetzentwurf muss schnell verabschiedet werden“, erklärte Fincke. Damit es gelingt, internationale Studierende als hoch qualifizierte Zuwanderer – auch dauerhaft – im Land zu halten, bleibe aber noch einiges zu tun. So müsse intensiver über rechtliche Regelungen für den Übergang in den Arbeitsmarkt informiert werden. Dabei wäre es empfehlenswert, dem Aufenthaltstitel für die Phase der Jobsuche nach dem Studium einen griffigen Namen wie z.B. Young Talent Card zu geben. Zudem sollten Universitäten ihren internationalen Studierenden mehr maßgeschneiderte Angebote wie Sprachkurse und Karriereberatung machen.

Die Studie sowie eine Auswahl an Grafiken steht auf www.svr-migration.de/Forschungsbereich zum“>presse@svr-migration.de

Über den Forschungsbereich beim Sachverständigenrat 
Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat führt eigenständige, anwendungsorientierte Forschungsprojekte zu den Themenbereichen Integration und Migration durch. Die projektbasierten Studien widmen sich neu aufkommenden Entwicklungen und Fragestellungen. Ein Schwerpunkt der Forschungsvorhaben liegt auf dem Themenfeld Bildung. Der SVR-Forschungsbereich ergänzt die Arbeit des Sachverständigenrats. Die Grundfinanzierung wird von der Stiftung Mercator getragen.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration geht auf eine Initiative der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung zurück. Ihr gehören weitere sechs Stiftungen an: Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Körber-Stiftung, Vodafone Stiftung und ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Der Sachverständigenrat ist ein unabhängiges und gemeinnütziges Beobachtungs-, Bewertungs- und Beratungsgremium, das zu integrations- und migrationspolitischen Themen Stellung bezieht und handlungsorientierte Politikberatung anbietet.

Über die Migration Policy Group
Die Migration Policy Group (MPG) ist eine unabhängige europäische Non-Profit-Organisation. MPG hat sich dem Ziel verschrieben, einen Beitrag zu nachhaltiger und positiver Veränderung hin zu offenen und inklusiven Gesellschaften zu leisten. Dies sind Gesellschaften, in denen jeder Einzelne gleiche Rechte, Verantwortung und Chancen hat, die Entwicklung des wirtschaftlichen, sozialen und zivilgesellschaftlichen Lebens mitzugestalten.

MPG stellt Informationen für fundierte europäische Politikdebatten bereit und fördert die europäische Zusammenarbeit. Dieses Ziel wird in drei Programmbereichen erreicht: Migration & Mobilität; Antidiskriminierung & Gleichstellung; Vielfalt & Integration. MPG verfolgt einen dynamischen Ansatz, der alle drei Programmbereiche im Zusammenhang betrachtet.

Pressekontakt

Jochen Heimberg
Pressesprecher
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