Zwischen Willkommenskultur und Rückkehrwünschen zu alten Vorrechten: Der Integrationswille der Deutschen ist gebremst

Ergebnisse der Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld

Pressemitteilung der Stiftung Mercator

Bielefeld/ Essen/ Berlin, 07.07.2016

  • Anteil der Befragten, die Integration statt Assimilation von Zuwanderern befürworten, ist weiterhin groß. 
  • Beanspruchung von Vorrechten der Alteingesessenen hat sich verdreifacht.
  • Mehr Menschen fordern die Zurückdrängung von Migranten aus dem öffentlichen Raum. 
  • Willkommenskultur findet weniger Zuspruch als noch vor zwei Jahren.
  • Ablehnung von Willkommenskultur und Wunsch nach Rückkehr zu alten Ordnungen erklärt Ablehnung von Geflüchteten.

Die Integration von Menschen, die nach Deutschland einwandern, braucht den Integrationswillen der aufnehmenden Bevölkerung. Dieser hat jedoch stark abgenommen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld, die heute auf einer Pressekonferenz in Berlin präsentiert wurde.
„Schon 2013 haben wir festgestellt, dass eine Mehrheit integrationswillig ist und das Leitbild „Willkommenskultur“ befürwortet, allerdings zeigen sich mittlerweile deutliche Veränderungen der Integrationskultur. Die heftigen Debatten der letzten zwei Jahre scheinen ihre Spuren in der Wahrnehmung und den Meinungen der Bevölkerung hinterlassen zu haben“, erläutert Andreas Zick, Leiter der Studie.

Die Willkommenskultur findet noch erhöhten Zuspruch, dass Integration aber gemeinsam gestaltet werden muss, wird von der Mehrheit abgelehnt
Zwar befürwortet immer noch ein größerer Teil von 40 %, dass Migranten teilhaben und ihre kulturellen Identitäten erhalten sollten, die Orientierung ist jedoch rückläufig. Die Zustimmung zur Assimilation nimmt im Vergleich nur leicht zu (von 4.4 auf 6,5 %). Dagegen findet der Anspruch, nur die Migranten müssten sich anpassen, mittlerweile bei der Mehrheit Zustimmung und hat stark zugenommen.
Dabei zeigt sich auch, dass sich die Haltungen zum Leitbild der Willkommenskultur umgekehrt haben. Während in 2013/14 die Befragten eine stärkere Willkommenskultur eher befürworteten (36 %) als sie zurückzuweisen (31 %), lehnt der größte Teil diese nun klar ab (36,7 %). Obgleich die Zustimmung sinkt, wird eine vielfältige und pluralistische Gesellschaft auch weiterhin von den meisten Bürgern positiv empfunden. Allerdings findet auch ein geschlossenes Heimatkonzept im Vergleich zu 2013/14 deutlich höheren Zuspruch: Mehr als jeder Vierte lehnt es mittlerweile ab, dass sich Migranten für Deutschland als neue Heimat entscheiden.

Vorrechte für Alteingesessene werden verstärkt eingefordert
Die Gründe für den Einbruch der positiven Haltungen zur Integration sehen die Forscher vor allem in einem Wiedererstarken von integrationshemmenden Meinungen. Dazu gehört vor allem, dass ‚Alteingesessene’ Vorrechte gegenüber Neuhinzukommenden reklamieren. „Insbesondere im Zuge der gestiegenen Zahlen von Geflüchteten reagieren die Menschen mit einem Verweis auf ihr vermeintlich angestammtes Vorrecht“, meint die Koordinatorin der Studie Madlen Preuß. Die Einforderung einer solchen Übervorteilung gegenüber Neuhinzukommenden hat sich verdreifacht. Der Migrationshintergrund spielt dabei keine Rolle mehr.
Auch fordern mittlerweile 44,5 % ein stärkeres Selbstbewusstsein gegenüber Migranten (2013/14: 33,5 %) und 41 %, dass vor allem jüngeren Migranten ihre Grenzen stärker aufgezeigt werden müssten (2013/14: 26,1 %).  „Die Mehrheit der Deutschen spricht sich für eine Wiederbelebung deutscher Werte und Traditionen aus. Doch es geht um mehr als das. Sie wollen ihre alten Ordnungen, ihre alte Dominanz im Raum zurück“, so Madlen Preuß.  

Geflüchtete sind willkommen, aber nur solange, bis sich die Lage im Heimatland wieder verbessert hat
„Wenn es um Integration geht, dann sind Konflikte zu erwarten“, meint Andreas Zick. „Die hohe Aufnahmezahl der Geflüchteten in Deutschland ist aber ein zu bewältigender Konflikt und es stimmt nicht, dass die Mehrheit der Deutschen sie ablehnt.“ 72,9 % sind der Meinung: „Jeder Flüchtling hat das Recht auf eine besser Zukunft – auch in Deutschland“, und drei Viertel aller Befragten sprechen sich für die religionsunabhängige Aufnahme von Geflüchteten aus. Allerdings fordert auch mehr als die Hälfte, dass Geflüchtete in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden sollen, sobald sich die Lage dort verbessert hat.

Von der Willkommens- zur Ankommens-und Anerkennungskultur
„Mit Willlkommen können die Befragten mühelos etwas anfangen. Dies wird aber nicht reichen", resümiert Zick. „Um den Rückgang in der positiven Haltung aufzuhalten, bedarf es einer Ankommens- und Anerkennungskultur, die zivilgesellschaftliches Engagement und die Akzeptanz von Migranten fördert", führt er weiter aus. Dazu bedarf es innovativer Konzepte, die vor allem auch die „alten" Einwanderungsgenerationen stärker einbeziehen müssen.

Identifikation und Zusammenhalt für Einheimische und Zugewanderte
„Wir brauchen eine Politik, die Identifikation und Zusammenhalt für alle schafft, für Einheimische und Zugewanderte. Zentral dafür sind mehr Teilhabe und Partizipation. Wenn jetzt die Stimmung gegenüber Zuwanderern härter und ablehnender wird, alarmiert mich das sehr. Wohin das führen kann, zeigen Berichte wie jetzt aus Kiel, wo eine Frau auf offener Straße beschimpft und verprügelt wurde, weil sie ein Kopftuch trug. Unsere Gesellschaft ist von Vielfalt geprägt, sie ist gelebter Alltag. Wer andere Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Herkunft ausgrenzt‎ oder gar Stimmung gegen sie macht, greift unsere freiheitliche und pluralistische Gesellschaft an“, erklärt die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoğuz. „Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, wie wichtig die Stärkung von Integration im Sinne einer gleichberechtigten Teilhabe aller in Deutschland lebender Menschen ist. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht alleine von Menschen mit Migrationserfahrung gestaltet werden muss“, erläutert Dr. Susanne Farwick, Bereichsleiterin Integration der Stiftung Mercator. „Nur wenn die Gleichwertigkeit aller Menschen anerkannt wird und die sprachliche, kulturelle und weltanschauliche Vielfalt als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, kann ein gutes Miteinander in unserer Einwanderungsgesellschaft gelingen.“

Die Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“
Die Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ widmet sich den wesentlichen Kernfragen zur Integrationsgemeinschaft, die Anerkennung einer allgemeinen Gleichwertigkeit und die Zugehörigkeit verschiedener Gruppen zur deutschen Gesellschaft. Die Studie ist eine wissenschaftliche Umfragestudie und basiert auf zwei anonymen und nach repräsentativen Kriterien ermittelten Querschnitts-Befragungen in den Jahreswechseln 2013/2014 und 2015/2016. In ZuGleich 13/14 wurden 2.006 volljährige Personen, in ZuGleich 15/16 1.505 Personen ab 16 Jahren befragt. Das Projekt wird von Prof. Dr. Andreas Zick sowie Madlen Preuß, MA am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld durchgeführt.

Weitere Informationen und den Kurzbericht zum Download finden Sie unter:
www.stiftung-mercator.de/zugleich

 

 

Pressekontakt

 Cathrin Sengpiehl
Cathrin Sengpiehl
Kommunikationsmanagerin Presse
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