Herkunft entscheidet über Zugang zu Stipendien

Stipendien ermöglichen eine finanzielle Unterstützung für besonders leistungsstarke und engagierte Studierende. Sie sind offen für alle, doch wie im gesamten Bildungssystem greift auch hier eine soziale Selektion. Die Herkunft entscheidet oft darüber, ob man sich für ein Stipendium überhaupt bewirbt oder nicht.

Pressemitteilung der Stiftung Mercator

Essen, 04.06.2018

Schüler und Studierende etwa aus Nicht-Akademiker-Familien bewerben sich deutlich seltener für ein Stipendium der Begabtenförderungswerke. Weniger als ein Drittel der Bewerber ist dieser Herkunftsgruppe zuzuordnen. Diese Selektivität greift im Ruhrgebiet mit einer geringeren akademischen Prägung und sozial mitunter schwächeren Familienhintergründen deutlich stärker. Berücksichtigt man, dass mehr als 90% der Teilnehmenden an Auswahlverfahren für die Begabtenförderung auf Vorschläge aus Schulen und Hochschulen zurückgehen, wird deutlich, dass diesen Institutionen eine besondere Rolle zukommt. Sie könnten Nachteile für Schüler und Studierende beim Zugang zu Stipendien kompensieren, die sich aus ungünstigen Lernvoraussetzungen und eine geringere Kenntnis des akademischen Systems ergeben. Gerade Stipendien können dazu beigetragen, dass unterschiedliche Ausgangsbedingungen für eine Bildungsbiographie, die sich aus dem familiären Hintergrund ergeben, ein Stück weit angeglichen werden. Nicht selten konzentrieren sich Schulen und Hochschulen aber auf die breite Masse und vernachlässigen die Förde-rung einzelner Talente. Wie die Voraussetzungen der Stipendienförderung in Schule und Hochschule sind, hat das Institut für angewandte Innovationsforschung in einer von der Stiftung Mercator geförderten Studie untersucht.

Die Stipendienkultur ist im Ruhrgebiet nur schwach ausgeprägt. So kommt gerade bei Berufskollegs und Gesamtschulen oft gar nicht der Gedanke auf, die eigene Schülerklientel könnte für ein Stipendium geeignet sein. Vielen Lehrern ist die Möglichkeit, Schüler aktiv für ein Stipendium vorzuschlagen, nicht bekannt. Initiative hängt meistens an einzelnen Köpfen. Und auch im Hochschulbereich liegen noch unerschlossene Potenziale. So ist die Sensibilität in Zentralbereichen der Hochschule durchaus ausgeprägt, der Zugang zu dieser Klientel in den Fachbereichen stößt aber noch an Grenzen. Insgesamt weisen die Befunde der Studie darauf hin, dass noch erhebliche ungenutzte Reserven für die Weiterentwicklung der Stipendienförderung im Ruhrgebiet vorliegen. Denn wenn Schüler und Studierende aus nicht akademisch geprägten Familien vorgeschlagen werden, setzen sie sich mit der gleichen Wahrscheinlichkeit im Auswahlverfahren durch wie die jungen Menschen aus akademisch geprägten Elternhäusern.

„Manche Schule sieht die eigene Schülerschaft gar nicht als Zielgruppe für Stipendien. Vor allem das Bewusstsein für Stipendienförderung muss daher im Ruhrgebiet gestärkt wer-den“, sagt Prof. Dr. Kriegesmann, Autor der Studie. Ganz überwiegend seien dann auch noch die institutionellen Voraussetzungen für die Stipendienförderung zu komplex und in der Tendenz für eine Klientel „aufgestellt“, die auch allein den Weg zu einem Stipendium geht. Sich intuitiv erschließende Unterstützungsangebote können die engagierten Kräfte hier in Schulen und Hochschulen unterstützen Stipendien aktiv als Instrument der Talentförderung zu etablieren. „Es muss zur Normalität werden, junge Menschen mit ihrer Leistung im Lebenskontext zu fördern und zu fordern“, fordert Kriegesmann.

„Im Ruhrgebiet hat eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen aufgrund der sozialen Lage ihrer Familien schwierigere Ausgangsbedingungen. Die Stiftung Mercator setzt sich dafür ein, Diskriminierung und strukturelle Hürden im Bildungssystem abzubauen und junge Menschen bestmöglich zu fördern Stipendien könnten und sollten dabei ein wichtiger Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit sein“, sagt Dr. Felix Streiter, Leiter des Bereiches Wissenschaft bei der Stiftung Mercator.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Bernd Kriegesmann

Institut für angewandte Innovationsforschung (IAI) e.V. an der Ruhr-Universität Bochum, Buscheyplatz 13, 44801 Bochum, 0234/97117-0, info@iai-bochum.de, www.iai-bochum.de

Cathrin Sengpiehl

Stiftung Mercator GmbH, Huyssenallee 40, 45128 Essen, 0201 24522-841, cathrin.sengpiehl@stiftung-mercator.de, www.stiftung-mercator.de

Die Studie „Institutionelle Voraussetzungen für das Stipendiengeschehen im Ruhrgebiet“ (ISBN 978-3-928854-40-5) kostet 29,00 Euro (inkl. 7% USt.) und kann über das IAI direkt oder den Buchhandel bezogen werden.

Pressekontakt

 Cathrin Sengpiehl
Cathrin Sengpiehl
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