„Zurückhaltung heißt nicht Zurückweisung“

Im Zuge der Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre sind auch viele Kinder nach Deutschland gekommen. In den Schulen werde mit dieser Herausforderung professioneller als noch in den 1990er Jahren umgegangen, sagt Hans-Joachim Roth, stellvertretender Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, im Interview. Die Jahrestagung des Instituts hat eine Zwischenbilanz zu Zuwanderung und sprachlicher Bildung gezogen.

Herr Roth, in den vergangenen Jahren sind viele Flüchtlingskinder nach Deutschland gekommen und besuchen nun Schulen. Wie gelingt dort die Integration?

Hans-Joachim Roth: Im gesellschaftlichen Diskurs ist viel von Problemen oder sogar Überforderung die Rede. Wenn man sich das genauer ansieht, dann wird aber auch deutlich, dass viele Schulen deutlich professioneller mit dem Thema umgehen als noch in den 1990er Jahren. Die Überlegung, dass es nicht ausreicht, Flüchtlingskindern und -jugendlichen in speziellen Klassen Deutsch beizubringen, ist inzwischen in vielen Schulen Normalität. Dort denken die Verantwortlichen frühzeitig darüber nach, wie sie die Kinder von Anfang an ins Schulleben einbeziehen können. Dazu gehört auch, dass es inzwischen spezielle Lehrpläne für geflüchtete Schülerinnen und Schüler gibt.

Was ist wichtig, damit Integration gelingt?

Roth: Die Diagnostik der Potenziale der Einzelnen ist sehr wichtig. Es gibt große Unterschiede: Sicherlich – manche Jugendliche sind Analphabeten, aber manche sprechen schon eine oder mehrere Fremdsprachen. Deshalb ist es sinnvoll, den Übergang in eine Regelklasse nicht auf einen Schlag zu vollziehen, sondern schrittweise in Orientierung an den mitgebrachten fachlichen Kompetenzen. Vielleicht kann ein geflüchteter Schüler aus einem afrikanischen Land beispielweise frühzeitig am Französischunterricht teilnehmen, weil er damit bereits in seinem Herkunftsland aufgewachsen ist und darin unterrichtet wurde. Bei vielen Lehrkräften ist – so mein Eindruck – ein Problembewusstsein dafür entstanden, sie schauen verstärkt auf die Potenziale der einzelnen Schüler. In vielen Schulen funktioniert das bereits. Mir ist außerdem aufgefallen, dass schulisch gut entwickelte Schüler oft noch nicht altersgerecht eingruppiert werden, also dass sie in einer Klasse mit deutlich jüngeren Klassenkameraden zusammen unterrichtet werden. Gerade im Jugendalter kann das problematisch werden. Positiv ist: Lehrerinnen und Lehrer haben auch solche möglichen Probleme verstärkt vor Augen.

Welche weichen Faktoren müssen die Lehrer außerdem berücksichtigen?

Roth: Die Sensibilität im Umgang mit Fluchterfahrungen ist sehr wichtig. Dabei ist entscheidend, dass Kinder und Jugendliche diese ganz unterschiedlich verarbeiten. Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge wirken im Alltag oft sehr stabil und selbständig, aber sie sind durch die frühe Trennung von ihrer Familie manchmal doch sehr belastet. Wenn sie sich zurückziehen, ist das keine Verweigerung von Integration. Manche brauchen die Zeit, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Dieses Problem ist aus Pflegefamilien bekannt.    

Wie können Lehrer generell damit umgehen, wenn sich Flüchtlingskinder zurückziehen?

Roth: Wichtig ist: Zurückhaltung heißt nicht Zurückweisung. Geflüchtete Kinder und Jugendliche müssen sich ebenso wie ihre Eltern erst in die sozialen Verhältnisse in Deutschland einfinden. Sie sind zuvor ja in einem anderen Kontext sozialisiert worden. Zurückhaltung kann unterschiedliche Ursachen haben. Manche sind einfach unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn sie beispielsweise zu einer Veranstaltung eingeladen werden. Andere wollen in manchen Situationen höflich sein, beispielsweise nach dem Motto „Wenn Erwachsene reden, dann schweigen die Kinder“. Lehrer brauchen dafür eine hohe Sensibilität und die Fähigkeit zu balancierten Reaktionsweisen, die offene Kommunikationsangebote mit der Möglichkeit verbinden, sich auch einmal zurückziehen zu dürfen.

Sie sprechen die Eltern an. Was können Schulen konkret tun, um Eltern einzubeziehen?

Roth: Es besteht große Einigkeit, dass Elternarbeit wichtig ist, aber am Ende des Tages kommt sie im Alltagsgeschäft doch oft zu kurz. Die Schule sollte den Eltern vermitteln, dass sie willkommen sind. Schließlich kennen die Eltern das Bildungssystem in Deutschland nicht. Viele haben Fragen: Was lernen die dort überhaupt? Wie gehen die mit meinem Kind eigentlich um? Dürfen Lehrer in Deutschland Kinder schlagen? Dürfen Muslime ihren Glauben offen leben? Die Eltern müssen das Gefühl bekommen, dass sie ihre Fragen stellen dürfen. Manche halten sich auch zurück, in die Schule zu kommen, weil sie selbst nur erst wenig Deutsch können. Dann kann helfen, dass sie eine Vertrauensperson mitbringen dürfen, die sie unterstützt.

 

 

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