„Zement der Gesellschaft wird neu zusammengesetzt“

In Berlin ist das Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung eröffnet worden. In seiner Aufbauphase fördern die Stiftung Mercator und die VolkswagenStiftung das Zentrum. Seit einigen Jahren wandele sich die Zivilgesellschaft, sagt Gründungsdirektor Edgar Grande im Interview. Neue Inhalte und Organisationsformen seien zu beobachten.

Herr Grande, blickt man auf die klassischen Institutionen der repräsentativen Demokratie wie die Parteien, kann man den Eindruck bekommen, dass diese in der Krise sind. Ist die Zivilgesellschaft gefragt, um die Demokratie zu stützen?

Edgar Grande: Die festen und dauerhaften Bindungen an klassische Institutionen gehen in der Tat zurück. Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass das zivilgesellschaftliche Engagement insgesamt steigt, immer mehr Bürger beteiligen sich. Dabei gilt: Das Tätigkeitsspektrum und die Organisationsformen wandeln sich. Die Bürger engagieren sich flexibel und eher kurzfristig. Der italienische Soziologe Mario Dani sagt, die Zivilgesellschaft sei der „Zement der Gesellschaft“. In Anlehnung daran sage ich: Der Zement der Gesellschaft wird gerade neu zusammengesetzt.

Woran liegt das?

Grande: Wir sehen eine tiefgreifende strukturelle gesellschaftliche Veränderung. Zwei Prozesse sind entscheidend. Erstens die Individualisierung, die Individuen lösen sich aus den traditionellen gesellschaftlichen Institutionen heraus. Hinzu kommt zweitens die Globalisierung. Diese beiden Prozesse führen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu tiefgreifenden Veränderungen, die bereits in den 1990er Jahren begonnen haben und sich nun immer stärker manifestieren.

Bislang war mit dem Begriff der „Zivilgesellschaft“ stets ein demokratiestützendes Motiv verbunden. Muss das angesichts der Wutbürger und der Pegida-Proteste anders gesehen werden?

Grande: Zivilgesellschaft galt häufig per Definition als gemeinwohlorientiert, dem politischen Protest wurden emanzipatorische Wirkungen zugeschrieben und politische Beteiligung galt als demokratiefördernd. Zugespitzt formuliert heißt das: „Engagement stärken heißt Demokratie stärken“. Wir sagen: Zivilgesellschaft ist ambivalent. Zivilgesellschaftliche Vereinigungen können auch Gegner der Demokratie sein. Sie sprechen Pegida an. Diese Demonstrationen sind ein Beispiel dafür, wie in unserer Gesellschaft neue Konflikte entstehen und wie sie auf eine Weise sichtbar werden, die nicht den gängigen Annahmen der Protest- und Bewegungsforschung entsprechen. Wir schauen uns deshalb an, welche politischen Konflikte unsere Gesellschaft spalten.

Welche sind das?

Grande: In den westlichen Demokratien ist ein grundlegender Wandel der politischen Konfliktstrukturen zu beobachten. Es ist eine neue kulturell-identitäre Konfliktlinie entstanden, die sich um die Nation dreht: Es geht um Integration oder Abgrenzung, Öffnung oder Schließung – von Märkten, politischen Systemen und Gesellschaften. Vor allem zwei Themen sind in Westeuropa für diese Konfliktlinie konstitutiv: Einwanderung und Europa – und das schon seit den 1990er Jahren und nicht erst seit der Euro- und der Flüchtlingskrise. Durch diese neue Konfliktlinie ändern sich die Grundkoordinaten der Politik. Mit dem alten Links-Rechts-Schema, das die sozio-ökonomischen Konflikte der kapitalistischen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts abbildet, sind wir nicht in der Lage, die neuen kulturell-identitären Konflikte zu verorten.

Ist die AfD ein Ergebnis dieser neuen Konfliktlinie?

Grande: Ja. Die neue Konfliktlinie geht mit Ausnahme der Grünen mitten durch alle Parteien. Das macht plausibel, warum sie alle Wähler an die AfD verlieren. Viele Erkenntnisse der Zivilgesellschaftsforschung aus den vergangenen Jahrzehnten gelten nun nicht mehr. Zwischen sozialen Bewegungen und politischen Parteien entstehen beispielsweise ganz neue Interaktionsdynamiken, besonders offensichtlich zwischen politisch nahestehenden Parteien und Bewegungen wie der AfD und Pegida und der Republican Party und dem Tea Party Movement in den USA. Hinzu kommt: Die alten Kategorien passen nicht mehr für die Organisationen, die die neuen Konflikte artikulieren. Wir beobachten das Entstehen zahlreicher hybrider Organisationen, insbesondere neue führerzentrierte Bewegungsparteien wie das Movimento 5 Stelle in Italien, aber auch Macrons La Republique en Marche in Frankreich. In Österreich wandelte sich mit der ÖVP unter Sebastian Kurz sogar eine etablierte Großpartei in diese Richtung.

Geschichten aus dem Projekt

Dr. Wolfgang Rohe zur Gründung des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung

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