„Wir wollen geflüchtete Lehrer fit für das deutsche Schulsystem machen“

Sie sollen auch in Deutschland unterrichten können: Mit dem Programm Lehrkräfte plus werden Geflüchtete qualifiziert, als Vertretungslehrkräfte im deutschen Schulwesen zu arbeiten. Größte Herausforderung für die Teilnehmer werden die Sprachkenntnisse sein, sagt Marie Vanderbeke von der Professional School of Education der Ruhr-Universität Bochum im Interview.

04. April 2018

Frau Vanderbeke, mit dem Projekt Lehrkräfte plus wollen Sie Geflüchtete ein Jahr lang qualifizieren, damit sie in Deutschland als Lehrer arbeiten können. Wo setzen Sie an?
Marie Vanderbeke: Wir setzen an der speziellen Qualifikation für das deutsche Schulsystem an. In Deutschland gibt es zwei Besonderheiten: Lehrer studieren hier mehr als nur ein Fach und absolvieren nach dem Studium ein Referendariat. In anderen Ländern ist das meist nicht so. Wir wollen geflüchtete Lehrer, die bereits in ihrer Heimat in der Schule gearbeitet haben, fit fürs deutsche Schulsystem machen. Sie haben nur ein Fach studiert und kein Referendariat gemacht. Hier setzen wir mit pädagogischer Qualifizierung an. Besonders wichtig ist uns, dass das gesamte Programm praxisnah gedacht ist. Wir bauen auf den umfassenden fachlichen Kenntnissen der Teilnehmer auf und wollen sie nun mit dem deutschen Schulsystem vertraut machen.

Wie war die Resonanz auf Ihre Ausschreibung?
Vanderbeke: Die Resonanz war sehr gut. Wir haben 470 Bewerbungen für die 25 Plätze bekommen.

Wie sieht die Gruppe der Teilnehmer aus?
Vanderbeke: Die Teilnehmer kommen aus mehreren Bundesländern, einige ziehen extra für das Programm nun nach Nordrhein-Westfalen. Die Mehrheit stammt aus Syrien, zudem sind Menschen unter anderem aus dem Iran und dem Irak dabei. Sie alle haben ihr Fach mindestens vier Jahre studiert. Jeweils sechs Teilnehmer unterrichten Englisch, Mathe oder Französisch, vier sind Physiker und drei Chemiker. Sie sind alle sehr offen und hoch motiviert.

Die Teilnehmer bringen besondere Erfahrungen aufgrund ihrer Fluchtgeschichte mit. Wie reagieren Sie darauf?
Vanderbeke: Wir gehen damit sehr sensibel um. Wir haben für Probleme ein offenes Ohr. Es gibt an der Universität hier Strukturen für eine psychologische Beratung, wir suchen da eine enge Zusammenarbeit.

Was steht nun für die Teilnehmer an?
Vanderbeke: Die Teilnehmer beginnen mit dem Deutschkurs. An den Nachmittagen steht zudem eine pädagogisch-interkulturelle Qualifizierung auf dem Programm. Wir starten in der ersten Woche mit einer Uni-Rallye: Wir zeigen den Campus, den Weg zur Mensa und erklären, wie man in der Bibliothek arbeiten kann. Als nächstes folgt eine Einführung in das deutsche Schulsystem, dabei wird es auch um Leitbilder des Lehrerberufs und Erziehungsstile gehen, zum Beispiel um den Umgang mit Autorität. Dabei wollen wir das Erfahrungswissen, das die Teilnehmer mitbringen, einbeziehen.

Wann geht es dann zum ersten Mal in eine Schule?
Vanderbeke: Wir planen bereits im ersten Halbjahr kleine Exkursionen an Schulen. Das Schulpraktikum beginnt dann im Oktober. Bis dahin wollen wir die Teilnehmer so vorbereiten, dass sie vor einer Klasse bestehen können. Bis dahin werden wir außerdem noch ein Mentorenprogramm auflegen.

Wie wollen Sie damit die Teilnehmer unterstützen?
Vanderbeke: Wir wollen jedem an seiner Schule einen Lehrer als Mentor zur Seite stellen. Er kann seinem Mentee Feedback geben und bei Fragen zur Seite stehen. Bei einer Hospitation heißt das zum Beispiel: Wenn unser Teilnehmer einen Unterrichtseinstieg gestaltet hat, kann er seine Erfahrungen hinterher mit seinem Mentor besprechen.

Nun steht der Beginn des Programms unmittelbar bevor. Wenn Sie vorausblicken: Was erwarten Sie als zentrale Herausforderungen?
Vanderbeke: Basierend auf den bisherigen Erfahrungen mit dem Programm gehen wir davon aus, dass das Lernen der Sprache die größte Herausforderung sein wird. Im Laufe des Jahres müssen die Teilnehmer einen richtigen Sprung machen. Die zweite große Herausforderung wird sein, dass die Absolventen eine Perspektive als Vertretungslehrer bekommen. Dabei werden wir sie unterstützen. Wir haben dafür im Programm ein Modul eingebaut, in dem wir Wissen für Bewerbungen vermitteln.

Geschichten aus dem Projekt

Statement von Dr. Susanne Farwick

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Statement Teilnehmer

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