"Wir sind von Europäern in Theorie zu Europäern aus Erfahrung geworden."

Interview mit den #FreeInterrail-Initiatoren Martin Speer und Vincent Herr

Die EU plant 700 Millionen Euro für kostenlose Interrail-Tickets. Im Juni können sich die ersten Jugendlichen für das Pilotprojekt bewerben. Wir haben mit Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer gesprochen: Sie haben die #FreeInterrail-Initiative entwickelt und setzen sich seit 2014 für ihre Idee der gelebten Erfahrung von Europa ein.

"Wir sind von Europäern in Theorie zu Europäern aus Erfahrung geworden."
ichange.org

Wie kamt ihr auf die Idee zu einem kostenlosen Interrail-Ticket?

Die #FreeInterrail entstand - wie könnte es anders sein? - auf einer Interrailreise. Wir waren, gefördert u.a. durch die Stiftung Mercator, in 14 Ländern unterwegs, haben mit jungen Menschen gesprochen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Auf der Reise haben wir Europa durch neue Augen kennenlernen dürfen. Erst durch diese Erfahrung des Austausches, der Gastfreundschaft, Offenheit und des Interesses anderer junger Menschen haben wir wirklich verstanden, weshalb europäische Vielfalt und Integration so wunderbar und wichtig sind. Man kann sagen: Wir sind von Europäern in Theorie zu Europäern aus Erfahrung geworden. Am Abendbrottisch in Wien, im Gespräch mit dem Autor Robert Menasse, stellte sich uns dann die simple Frage: Wieso können nicht alle jungen Menschen diese Erfahrung machen, die wir gerade machen durften? Von da an begann diese einfach Idee ihren Weg durch europäische Zeitungen, Konferenzen, schließlich bis hin in das Europäische Parlament und nun in die Europäische Kommission. Nicht nur ist für dieses Jahr ein Pilotprojekt für mindestens 15.000 junge Menschen geplant. Der neue EU-Haushalt enthält jetzt auch einen Posten von 700 Millionen Euro für den Vorschlag. Wir können es noch nicht so ganz glauben.

"Wieso können nicht alle jungen Menschen diese Erfahrung machen, die wir gerade machen durften?"

Was erhofft ihr euch für junge Europäer vom kostenlosen Reisen?

Wir sind überzeugt, dass europäische Vielfalt erst dann verständlich wird, wenn sie erlebt wird. Es ist nicht wirklich möglich, echte Europäerin oder echter Europäer zu werden nur durch Schulbücher oder Seminare. Die Erfahrung im Austausch mit anderen Menschen und anderen Kulturen ist essentieller Bestandteil einer europäischen Identität. Zur Zeit können allerdings bei Weitem nicht alle (jungen) Menschen ins Ausland reisen. Die Erfahrung Europa bleibt also einer bestimmten Gruppe vorbehalten. Das ist ungerecht und gefährlich für eine gemeinsame europäische Zukunft. Wenn nun aber alle jungen und zukünftigen Generationen persönlich Erfahrungen im europäischen Ausland sammeln könnten, würde dies einen ungemeinen Beitrag zur Völkerverständigung und zur europäischen Integration beitragen und den Kontinent sozial, wirtschaftlichen und politisch stärken.

Was unterscheidet das Interrail-Ticket von existierenden Jugendaustauschprogrammen?

#FreeInterrail wäre das erste EU-Programm, dass allen Menschen zur Verfügung stehen würde, also allen jungen und zukünftigen Generationen. Das unterscheidet es von wirklich allen existierenden EU-Programmen, die immer nur einer bestimmten, limitierten Gruppe zu Gute kommen. Erasmus, zum Beispiel, ist ein großartiges Programm. Leider aber nehmen nur unter fünf Prozent einer Generation daran Teil. #FreeInterrail wäre daher eine sinnvolle Ergänzung und würde zum Mindest für ein paar Wochen allen Jugendlichen die Türen nach Europa eröffnen. Neu ist auch der Gedanke der Niedrigschwelligkeit. Wir schlagen ja vor, den Interrail-Gutschein per Post zum 18. Geburtstag an alle Jugendlichen zu schicken. Es ist also keine Bewerbung nötig. Das Programm kommt zu den jungen Menschen, nicht andersherum. So liegt wortwörtlich die Möglichkeit des internationalen Reises bei allen jungen Menschen auf dem Tisch, eine starke Motivation dann den Sprung in das Abenteuer auch wirklich zu wagen.

#FreeInterrail wurde von der Stiftung Mercator im Rahmen von Advocate Europe gefördert.

 

 

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