Wer blau macht, lernt selbstständig

Lernzeiten am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim

Wie können individuelle Förderung, Hausaufgaben und Freizeit eine harmonische Verbindung eingehen? Die Antwort heißt „Blaue Lernzeit“ – zumindest für die rund 1.550 Schülerinnen und Schüler am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim. Das Lernzeitenkonzept eines der größten Ganztagsgymnasien Nordrhein-Westfalens ist ein Vorbild für viele andere.

Wer blau macht, lernt selbstständig

Hannes ist froh, dass er Vokabeln nicht nur alleine zu Hause lernen muss. „Gut, dass ich auch mal meine Nachbarn in der Schule fragen kann“, sagt der Elfährige, und seine Klassenkameraden Melissa, Melanie und Matthias aus der 6c nicken. Sie kennen sich mit EVA schon gut aus. Das ist nicht etwa der Name ihrer Lehrerin, sondern die Abkürzung für „Eigenverantwortliches Arbeiten“ – eine wichtige Säule der sogenannten „Blauen Lernzeit“ am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim bei Köln, das an dem Projekt Ganz In teilnimmt. Blau deshalb, weil diese Farbe zufällig auf einer Grafik zum Thema Lernzeiten gewählt wurde. Aber vielleicht auch absichtlich, weil es eben nicht darum geht, „blau zu machen“. Ganz im Gegenteil. Schulleiter Andreas Niessen hat sich mit seinem Team, der Diplom-Pädagogin Dorle Mesch und der Ganztagskoordinatorin Stefanie Bresgen, beim Konzept für die Lernzeiten im gebundenen Ganztag etwas Besonderes gedacht. Wer durch den 70er-Jahre-Betonbau der Schule mit ihrem großen Atrium geht, dem fällt auf: Überall sitzen Grüppchen, die in ihre Arbeit vertie„ sind.

Individuelle Förderung im Mittelpunkt

„Im Grunde geht es uns in der Blauen Lernzeit um individuelle Förderung. Dabei soll nicht nur das fachliche, sondern auch das soziale Lernen im Mittelpunkt stehen. Im Prinzip sind die Lernzeiten eine Art von Beziehungsarbeit in Doppelstunden“, sagt der Schulleiter. Die Blaue Lernzeit sieht je nach Jahrgangsstufe ein wenig anders aus. Die Klassen 5 und 6 starten an zwei bis drei Tagen in der Woche um 14.30 Uhr mit einem „Energizer“ in diese 90-minütige Phase. An diesem Tag ist es in der 6c die Ozeanwelle, etwas Ähnliches wie die „Reise nach Jerusalem“: Ein Kind steht mitten im voll besetzten Stuhlkreis und sagt wahlweise „Welle nach rechts“ oder „Welle nach links“. Während die Klassenkameraden einen Stuhl weiter rutschen, versucht es, sich dazwischen zu drängen und sich einen Platz zu sichern. Das klappt am besten, wenn alle auf das Stichwort „Ozeanwelle“ hin aufspringen und durcheinander laufen, um sich danach ganz woanders hin zu setzen. Nachdem sich die Kinder ausgetobt haben, wird gemeinsam überlegt, welche Aufgaben man machen muss oder möchte, und die Schüler legen – nach Ampelphasen eingeteilt – los. Melissa erläutert lässig, was das bedeutet: „In der roten Phase arbeitet jeder allein, danach dürfen wir mit unserem Nachbarn sprechen und in der grünen Phase arbeiten wir in Gruppen.“

„Lernen braucht Beziehung“

Der Klassenlehrer ist stets mit dabei und wird von einem pädagogischen Mitarbeiter unterstützt, denn Schulleiter Niessen meint: „Lernen braucht Beziehung.“ Die „Hausaufgaben“, denen sich viele Kinder in den Blauen Lernzeiten widmen, können parallel aber auch in den sogenannten „Jumper-Gruppen“ erledigt werden, die klassenübergreifend sind. Danach geht es für Melissa gleich weiter zum Volleyball oder zur Nachhilfe. Manche ihrer Mitschüler nutzen auch die „Drehtür“ während der Blauen Lernzeit. Interne Drehtür – das bedeutet, dass sie #eater- oder Rechtschreibhilfe-AGs an der Schule besuchen. Externe Drehtür meint hingegen, dass die Kinder Lernangebote wie Reiten oder Musikunterricht in Anspruch nehmen, die von Partnern außerhalb der Schule angeboten werden. „Die Eltern müssen diese Drehtür-Regelung unterschreiben“, sagt Stefanie Bresgen, die nicht nur für die Organisation der Nachmittagsangebote zuständig ist, sondern auch Deutsch und Philosophie unterrichtet.

Enge Verknüpfung mit dem Fachunterricht

In der 9e geht es zu Beginn der Blauen Lernzeit zu wie im Taubenschlag, doch Klassenlehrerin Sabine Jaschonek behält den Überblick. Denn jede Schülergruppe, die sich zum selbstständigen Arbeiten zurückzieht, schreibt an die Tafel, wo sie hingeht – zum Beispiel in die Bibliothek. Bei den Siebt- bis Neuntklässlern verändert sich die Lernzeit. Sie wird enger mit dem Fachunterricht verknüpft„ und die Jugendlichen müssen sie in ihrem Lernbegleiter- He„ft, dem „Scholli“, planen. Dann haben sie verschiedene Möglichkeiten und ihnen stehen unterschiedliche Orte zur Verfügung, an denen sie Aufgaben alleine oder in Gruppen erledigen können: Neben der bekannten „EVA-Zeit“ im Klassenraum und in der Bibliothek gibt es noch Lernboxen. „Das sind Klassenzimmer, in denen Fachlehrkräft„e mit den Schülern Fragen zu Mathematik oder Französisch klären“, erklärt Stefanie Bresgen. Eine Besonderheit am Geschwister-Scholl-Gymnasium ist die „Study Hall“: ein großer Raum, in dem eine ruhige und konzentrierte Arbeitsatmosphäre herrscht. Drei Jungs stecken hier gerade ihre Köpfe über einem Laptop zusammen und bereiten einen Vortrag vor, den sie in ihrer Klasse halten sollen. An den anderen Tischen sitzen ihre Mitschüler in Einzelübungen oder sind in Selbstlernkurse vertie„ft. Eine Gruppe von Mädchen geht in den Nebenraum, das „Lernbüro“. Koordinatorin Stefanie Bresgen erläutert lächelnd: „Dort können sie Fragen an Fachlehrkräft„e stellen und sich beraten lassen. Zum Beispiel, wenn sie eine Anleitung für eine Inhaltsangabe brauchen, die sie für den Deutschunterricht verfassen sollen.“ Dann beginnt die Pause und alle, die vorher noch so gut selbst organisiert waren und konzentriert gelernt haben, strömen in wildem Freiheitsdrang nach draußen ins Grüne – die Jüngeren am liebsten in den Klettergarten zum Balancieren auf dem Seil.

 

Diese Schulreportage erschien in der Ausgabe 01/2015 des Newsletters "Ganz In_kompakt".

Autorin: Natascha Plankermann

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