… weil sie Werbelügen verbietet

32 Gründe, warum die Europäische Union eine verdammt gute Idee ist

Erinnern Sie sich noch? An die „Extra-Portion Milch“, die angeblich in Kinderschokolade steckt? Oder an Senta Berger, die in einem Werbespot schwärmte, dass ein Danone-Joghurt namens Activia das „Darmwohlbefinden verbessert“ und die „Verdauung in Schwung bringt“?

Zum Glück liest und sieht man solchen Unsinn heute seltener. Auch, weil die EU-Kommission im Jahr 2012 irreführende Aussagen bei Lebensmitteln verboten hat. Rund 1600 Werbeslogans wurden damals eingemottet. Denn weder verhindert Eisen Haarausfall noch stärkt dunkle Schokolade das Herz.

Wer seit 2012 in Europa behaupten will, dass etwas „gut fürs Immunsystem“ ist oder „die Abwehrkräfte stärkt“, muss einen wissenschaftlichen Beweis erbringen. 220 solcher Aussagen sind weiter erlaubt. Das klingt dann allerdings deutlich nüchterner als früher. Zwei Beispiele:

Zuckerfreies Kaugummi darf weiter den Hinweis tragen, es unterstütze die Zahnmineralisierung – erwähnt werden muss aber auch, dass sich die positive Wirkung erst bei „mindestens 20-minütigem Kauen nach dem Essen oder Trinken einstellt“.

Enthält ein Lebensmittel Pektin, ein pflanzliches Geliermittel, darf auf der Verpackung stehen, dass es zur „Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels beiträgt“ – erwähnt werden muss aber auch, dass man mindestens sechs Gramm davon essen muss.

Schade, dass die EU später auf halbem Weg stehengeblieben ist. Eigentlich sollten schon damals Nährwertprofile entwickelt werden, Obergrenzen für Fett, Salz und Zucker, ab denen ein Produkt nicht mehr als „gesund“ vermarktet werden darf. Doch das wurde nie beschlossen. Verbraucherschützer mutmaßen: auf Druck der Lebensmittelindustrie hin. So können die Konzerne bis heute Junkfood mit Vitaminen und Mineralien anreichern und ihm so einen gesunden Anstrich verpassen.

Aktuelles Beispiel, gefunden auf der Website vom Goldenen Windbeutel, mit dem Foodwatch jedes Jahr die dreistesten Lebensmittellügen auszeichnet: der Corny Milch Riegel. Mit seinem „Plus an Calcium“ und seinem „wertvollen Getreide“ kommt er daher wie eine gesunde Zwischenmahlzeit. Tatsächlich enthält er mehr Zucker und Fett als eine Schoko-Sahne-Torte.

Aber immerhin aktiviert Actimel nicht mehr die Abwehrkräfte. 2012 wurde der Werbeslogan für den pappsüßen Joghurt geändert in „Starker Start in den Tag“. Und aus der „Extra-Portion Milch“ in der Kinderschokolade wurde „Die schönste Zeit unseres Lebens“.

 

Dieser Text stammt aus dem Buch „Von Staubsaugern und Menschenrechten. 32 Gründe, warum Europa eine verdammt gute Idee ist“ von Correctiv, das wir gefördert haben.