...weil sie Plastiktrinkhalme verbietet

32 Gründe, warum die Europäische Union eine verdammt gute Idee ist

Und wieder vom Großen ins Kleine. Zu den Trinkhalmen, den Wattestäbchen, den Zigarettenkippen. Binnen zwei Jahren sollen in der EU alle Wegwerfartikel aus Plastik verboten werden, wenn es umweltfreundliche Alternativen gibt. In Ruanda sind Plastiktüten seit 2008 streng verboten. Auch deshalb ist Kigali eine so saubere Stadt. In der EU aber verbrauchen die Menschen bis zu 100 Milliarden Plastiktüten pro Jahr. Und bis zu 35 Milliarden Plastiktrinkhalme.

Und da sind noch nicht eingerechnet: die Chipstüten, die Colaflaschen, die Joghurtbecher, die Schutzhüllen, wenn man sein Hemd aus der Reinigung holt. 25 Millionen Tonnen Plastikmüll werden jedes Jahr in der EU produziert. Nur ein kleiner Teil wird recycelt, der Rest wird verbrannt.

Wer Kinder hat, bei dem stehen Plastiktrinkhalme ziemlich sicher im Schrank. Bitte schön – ein Smoothie. Kaum hat das Kind ihn ausgetrunken, schmeißt man den Halm in den Müll und denkt nicht weiter drüber nach. Und denkt man doch einmal darüber nach, ist klar: Das ist absolut unnötiger, unsinniger Einmalkonsum.

Der Trinkhalm: ein Symbol für den sorglosen Umgang mit Rohstoff en, den wir Industriestaaten dem Rest der Welt jahrzehntelang vorgelebt haben. Mehr als drei Erdbälle wären nötig, wenn alle Menschen auf der Welt so wie wir Deutschen konsumieren würden, hat eine Umweltorganisation einmal grob überschlagen.

Die Diagnose ist klar, wir müssen was tun. Aber wie kommen wir da hin? Wann werden sich 28 Länder aufraff en, ihren Bürgerinnen und Bürgern beizubringen, einen Thermosbecher dabei zu haben, ehe sie zu Starbucks gehen, und dass sie ihre Cola künftig am besten aus Pfandflaschen trinken?

...weil sie Plastiktrinkhalme verbietet

Hier kommt die EU ins Spiel. Der vermeintliche Beamten-Moloch, das angebliche Bürokratiemonster. Richtiger wäre: der Motor des Fortschritts.

Es begann, wie so oft, mit einem Vorstoß der EU-Kommission. Sie besteht aus 28 Kommissaren, aus jedem Land einer. Sie sind so etwas wie die Ministerinnen und Minister der EU und können Gesetze in Gang bringen.

Und so hat am 16. Januar 2018 EU-Kommissar Frans Timmermans in Straßburg die europäische Strategie für Kunststoff e vorgestellt. Erst mal war es nur ein grober Plan, der vorsah: weniger Abfälle, mehr Recycling, neue Regeln für Schiff e und Häfen, Investition in neue Technik, mehr internationale Zusammenarbeit. Mit Indien zum Beispiel. Denn auch der Ganges kotzt Jahr für Jahr einen riesigen Plastikberg in die Weltmeere. Wobei auch Indien inzwischen gehandelt hat: Ab 2022 ist Einwegplastik dort verboten.

Es begannen die Beratungen. Die Konsultationen. Die Expertengespräche. Die Vorstöße der Lobbyisten. Der Handel preschte freiwillig vor: Rewe, Lidl und Kaufl and erklärten, Plastikgeschirr aus ihren Regalen zu verbannen. Im Dezember 2018 war es dann soweit: Parlament, Kommission und Ländervertreter einigten sich in einer Marathonsitzung auf die Plastikstrategie.

Und am nächsten Morgen berichteten die Zeitungen, was das heißt:

  • Schluss mit Plastikgabeln – weil Holzgabeln genauso praktisch sind.
  • Schluss mit Einweg – bis 2025 sollen 90 Prozent der Trinkflaschen aus Plastik recycelt werden. Und Einwegdeckel müssen an der Flasche befestigt werden.
  • Auf der Verpackung von Feuchttüchern muss stehen, dass sie Plastik enthalten.
  • Wer Zigaretten herstellt, soll dafür zahlen, dass die Kippen eingesammelt werden.
  • Ab 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen wiederverwertbar sein.

Natürlich bedeutet dieser Wandel auch Einschnitte. Für so manches Plastikunternehmen werden die kommenden Jahre schwer werden. Sie werden sich umstellen müssen, damit sie weiter am Markt bestehen können.

Und genau das geschieht derzeit. Konzerne wie Covestro arbeiten an nachhaltigen Ersatzkunststoffen zu herkömmlichen Plastik. Rohstoffe werden erforscht, ausgetauscht, besser verwertbar. Innovationen werden vorangetrieben. Warum nicht Massenkunststoff auf Basis von Gras produzieren? Eine gesamte Branche hat sich auf den Weg gemacht, weil es auf sie ankommt. Weil wir alle Kunststoff brauchen, weil er nicht wegzudenken ist.

Der Wandel wird eine Herausforderung, natürlich. Arbeitsplätze sollen nicht gefährdet, sondern zukunftsfähig werden. Doch was wäre die Alternative? Eine Umwelt, in der wir nicht gesund leben können. Und Konzerne, die sich nicht an eine neue Zeit anpassen können und untergehen.

„Mehr Verbote, bitte!“, kommentierte danach eine Journalistin der „Zeit“. Es gebe kein Menschenrecht auf Autofahren in der Innenstadt oder Plastiktrinkhalme an jedem Straßenkiosk. Die Gesetze aus Brüssel seien keine Bevormundung, sondern eine Befreiung. „Sie befreien von der unlösbaren Aufgabe, die Rettung des Planeten im Alleingang mit den eigenen Konsumentscheidungen bewerkstelligen zu müssen.“

Wenn alle in Europa den Wandel gleichzeitig angehen, bekommt keiner einen Wettbewerbsvorteil. Der Wandel wird gestaltbar. Brüche können vermieden werden. Ein Ursprungsgedanke der EU.


Dieser Text stammt aus dem Buch „Von Staubsaugern und Menschenrechten. 32 Gründe, warum Europa eine verdammt gute Idee ist“ von Correctiv, das wir gefördert haben.