... weil sie den Zusammenhalt fördert

32 Gründe, warum die Europäische Union eine verdammt gute Idee ist

Hier kommt eine wichtige Erkenntnis: Trotz aller Krisen, trotz all dem Lärm, den populistische Parteien in Europa gerade veranstalten, ist der Zusammenhalt in der EU in den vergangenen zehn Jahren insgesamt leicht gestiegen.

„Das ist in der Tat erstaunlich, denn es widerspricht dem allgemeinen Bauchgefühl“, sagt Almut Möller, eine der Chefinnen der Denkfabrik ECFR. Zusammen mit ihren Kollegen gibt sie einen „Cohesion Monitor“ heraus, der in einem aufwendigen Verfahren misst, wie sich die Einstellung zur EU verändert. Sowohl individuell, die Stimmung und Erfahrungen der Menschen betreffend, als auch strukturell, bei den Beziehungen der Staaten untereinander.

Die gute Nachricht: Insgesamt steige der Zusammenhalt seit 2007 an, „er ist robust und sogar leicht gestärkt“. Gerade in Irland und Portugal, zwei Leidtragenden der Schuldenkrise, hätten sich die Werte erholt.

Die schlechte Nachricht: In neun Ländern schrumpft der Zusammenhalt. Bei einigen ahnt man schon, welche es sind: Ungarn und Polen, Italien und Griechenland. Überraschenderweise gehören auch Frankreich und Dänemark dazu. Auch dort zeigt die Landkarte des „Cohesion Monitor“ einen roten Kreis. Heißt: Hier schwinden die Bindungskräfte.

„Und das ist ein schlechtes Zeichen“, sagt Almut Möller. „Wenn Einzelne ausscheren, dann verlieren alle an Zusammenhalt.“ Insgesamt habe die EU zuletzt kein gutes Bild abgegeben, viele trauten ihr nicht mehr zu, dass sie die großen Probleme anpacke.

Wobei sie sich bisweilen schon frage, woran das liege. In Ungarn etwa. Einem Land, das finanziell so klar von der EU-Mitgliedschaft profitiert – und zu den Schlusslichtern in ihrem Monitor gehört. „Wie kann es sein, dass dieses Land sich so stark abwendet?“, fragt Almut Möller. „Wie kann sich eine Regierung so sehr an den Vorzügen der EU bedienen und zugleich die Grundwerte der EU so offen verletzen?“ Gut, dass das Europaparlament nun endlich klar gemacht habe, es sei „Schicht im Schacht“ – und ein Verfahren gegen Ungarn eingeleitet hat.

... weil sie den Zusammenhalt fördert

Andererseits, sagt Frau Möller, ist der Streit um die EU auch ein Zeichen von Reife. Früher war Europa eine Sache für Politiker und Beamtinnen. Staatschefs fuhren in Brüssel vor, beschlossen etwas und am nächsten Tag standen die Ergebnisse in den Zeitungen. Heute aber „ist eine wachsende Politisierung im System“. Heute wird debattiert, infrage gestellt, kritisiert. Die EU ist im Alltag der Menschen angekommen.

Almut Möllers Sorge: Dass das System durch die Krawallmacher grundsätzlich infrage gestellt wird. „Dass es im Europaparlament nicht mehr um den Wettbewerb der besten Ideen geht – sondern darum, die Entscheidungen des Parlaments zu blockieren.“ Darum sei es so wichtig, zur Europawahl zu gehen. Unbedingt. Weil so viel auf dem Spiel steht. Weil die populistischen Parteien im Europaparlament viel Schaden anrichten könnten.

Wie der Zusammenhalt in Europa langfristig gestärkt werden könne? Auch da hat Almut Möller einen Vorschlag, entstanden aus ihrer Arbeit: Es ändere sich offenbar nur wenig, wenn die EU „Geld auf ein Land wirft“. Aber: Wer Europa nicht nur aus dem Zug- oder Hotelfenster, sondern aus den Betrieben, den Unis, den Wohnungen kennt, wer einmal in einem anderen EU-Land gelebt, studiert, gearbeitet habe, der ändere dauerhaft seine Einstellung.

Daraus folgt: Gern weiter Eisenbahntrassen, Klärwerke und Universitäten aus EU-Mitteln finanzieren. Aber zugleich mehr Geld ausgeben für Schüleraustausch, Erasmus+ und den neuen europäischen Freiwilligendienst. Mit anderen Worten: Etwas weniger in Schnellstraßen investieren, dafür mehr in Menschen.


Dieser Text stammt aus dem Buch „Von Staubsaugern und Menschenrechten. 32 Gründe, warum Europa eine verdammt gute Idee ist“ von Correctiv, das wir gefördert haben.