… weil offene Grenzen Arbeitsplätze schaffen

32 Gründe, warum die Europäische Union eine verdammt gute Idee ist

Wie bitte? Heißt es nicht, dass uns die Ausländer die Arbeit wegnehmen?

„Auf den ersten Blick könnte man das denken“, sagt Martin Kahanec, Professor an der Central European University in Budapest. „Es gibt einen Job, und wenn nun ein Portugiese oder Pole kommt, dann ist der Job weg und ich gehe leer aus.“ Könnte man denken. Tatsächlich sei es meist genau anders herum: Wenn Arbeiterinnen und Arbeiter aus der EU zu uns nach Deutschland kommen, schaffen sie Jobs.

„Ich gebe Ihnen ein Beispiel“, sagt Martin Kahanec. „Eine Lehrerin betreut ihre kranke Mutter. Nun stellt sie eine Pflegekraft aus der Slowakei ein. Dann hat erstens die Slowakin einen Job – und zweitens kann die Lehrerin wieder arbeiten gehen.“ Die Gleichung könne also genauso gut lauten: Aus eins mach zwei. Eine Migrantin = zwei Jobs.

„Es gibt viele Vorteile von offenen Grenzen, sagt Martin Kahanec. Und er zählt auf:

  • Migranten sind flexibler als Einheimische. Sie gehen in Länder und in Branchen, in denen gerade qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.
  • So steigern sie die Effizienz von Märkten und fördern Wachstum und Investitionen.
  • Sie fördern Handels- und Geschäftsbeziehungen mit ihrer Heimat und erleichtern den Transfer von Technologie.
  • Sie verjüngen alternde Gesellschaften.
  • Sie helfen durch Rücküberweisungen, Wirtschaftskrisen in ihren Heimatländern abzufedern.

„Ich habe einen guten Überblick über die Studien zu dem Thema“, sagt Martin Kahanec. „Und es gibt nur wenige, die einige negative Effekte in Nischenarbeitsmärkten belegen.“ Vor allem aber zeigen die Daten: Migration nützt den Einheimischen. Nur wissen das die meisten nicht. Und das sei ein riesen Problem. Dass den Menschen in Europa die Zusammenhänge nicht besser erklärt werden. So hätten viele den Eindruck: Ihr Land habe die Kontrolle über seine Grenzen verloren. Und das schade ihnen.

Martin Kahanec stammt aus der Slowakei und gilt als führender Experte in Sachen Migration und Arbeit. Wir telefonieren an einem Samstag miteinander. Gerade ist er mit seiner Familie in seinem Wochenendhaus im Slowakischen Paradies, einem Gebirgszug im Zentrum des Landes. Im Sommer steht er dort in wasserdichter Latzhose im Fluss und angelt Forellen. Sein liebstes Hobby. Er erzählt, dass er schon in sechs europäischen Ländern gelebt habe. Offiziell könne heute ja jeder überall in Europa arbeiten. Theoretisch. Im Alltag gebe es zig Hürden. „Und ich kann Ihnen sagen: Der Papierkram nervt.“

Herr Kahanec, was sind die Nachteile der Mobilität innerhalb der EU? Es gibt vor allem zwei, sagt er:

  • Die Entsendeländer haben das Nachsehen. Zuerst steigen dort die Löhne und sinkt die Arbeitslosigkeit. Aber allmählich überaltert die Bevölkerung und leeren sich die Sozialkassen. So wie in Litauen, wo seit 1990 rund ein Viertel der Menschen ausgewandert ist. Kinder wachsen ohne ihre Eltern auf, die Bevölkerung schrumpft. Die Auswanderer, die in London, Dublin oder Oslo arbeiten, fehlen in ihrer Heimat.
  • Für den einzelnen Arbeiter könne es hart werden. Der sehe vielleicht erst mal nur Verdrängung. Kommen etwa viele gute, günstige Klempner aus Polen nach Großbritannien, dann haben britische Klempner das Nachsehen. Sie müssen sich anpassen. Sie könnten, wenn sie clever sind, ein Sanitärunternehmen gründen, in dem sie polnische Klempner beschäftigen. Das wäre eine Win-win-Lösung – zu der aber nicht alle in der Lage sind.

„Stattdessen schimpften viele Briten in den sozialen Medien auf die EU und behaupteten, die Polen nähmen ihnen Jobs und Kindergeld weg“, sagt Martin Kahanec. Und am Ende stimmten viele für den Brexit – obwohl all die Arbeiter aus der EU der britischen Wirtschaft als Ganzes genützt haben.

Einmal war Martin Kahanec zu Gast im BBC-Fernsehen und hat seine Daten präsentiert. Dass die Klempner dem Land nützen. Hat ihm jemand zugehört? „Die Zahlen sind klar – aber sie erreichen viele Leute nicht mehr“, sagt er. In diesen Zeiten von Fake News, in denen sich viele ihre eigenen Wahrheiten zusammenbasteln. Das mache ihm Sorgen.

Letzte Frage, Herr Kahanec – stimmt das Vorurteil, dass die EU den gut Ausgebildeten nützt und den weniger gut Ausgebildeten schadet?

„Es ist klar, dass einige mehr profitieren als andere“, sagt Martin Kahanec. „Aber die Daten zeigen, dass der offene Binnenmarkt die europäische Wirtschaft stärkt und dass davon alle Schichten profitieren.“

Dieser Text stammt aus dem Buch „Von Staubsaugern und Menschenrechten. 32 Gründe, warum Europa eine verdammt gute Idee ist“ von Correctiv, das wir gefördert haben.

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