Was wir von Norwegen lernen können, um Schulen besser zu machen

Das Schulsystem in Norwegen wird international oft als Vorbild genannt. Ist das wirklich so? Petra Strähle, Projektmanagerin im Bereich Integration, war mit einer Fachexkursion mit dem Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ vor Ort. Ihr Fazit: Deutschland kann von Norwegen manches lernen.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie aus unseren Schulen in Deutschland gute und moderne Schulen werden, die Kinder und Jugendliche fit machen für ihr Leben im 21. Jahrhundert. Seitdem begegnet mir regelmäßig der Verweis auf die skandinavischen Länder als leuchtendes Beispiel: Sie sind bei den Schulstudien PISA vorne und die Zufriedenheit der Norweger, Finnen oder Schweden mit ihren Schulen ist hoch.

Nun endlich hatte ich Gelegenheit, mir das einmal persönlich anzusehen – zwei Tage Fachexkursion in Oslo mit 23 Schulaufsichten und Schulleitern aus dem Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“. Wir waren in der größten Schule Oslos und hörten von der Schulleiterin und Lehrern, wie die Schule in den vergangenen Jahren groß, gut und beliebt geworden ist. Außerdem trafen wir die Chefin der kommunalen Schulaufsicht von Loerenskog und einen Bildungsforscher.

Im Vorfeld war ich gespannt, aber auch etwas verhalten. Bei meiner Arbeit habe ich schon viele Schulen, Konzepte und Pilotprojekte angesehen – und erlebt, dass Leuchttürme bei genauem Hinsehen von innen oft nicht so hell sind wie von außen. Und auch, dass besondere Bedingungen nicht übertragbar sind und ein Leuchtturm einsame Spitze bleibt.

Aber von dem, was wir in Norwegen erfuhren, können wir lernen für die Verbesserung und Modernisierung unserer Schulen in Deutschland. Das gilt, obwohl das System und die Rahmenbedingungen unterschiedlich sind. Die LiGa-Gruppe erarbeitete auf der Rückfahrt mit dem Schiff konkrete Anknüpfungspunkte für ihre Arbeit als Schulleitung oder Schulaufsicht. Was ich aus der Perspektive der Stiftung Mercator mitgenommen habe, will ich im Folgenden skizzieren.

Learning 1: Leadership. Die Norweger nehmen sehr ernst, dass Schulaufsichten und Schulleiter anspruchsvolle Führungsaufgaben haben und bilden sie dafür konsequent aus und weiter. Dabei sind Personalführung und -entwicklung genauso wichtig wie das Initiieren und Begleiten von Veränderungsprozessen. Qualitätsentwicklung wird als Daueraufgabe gesehen – Schulaufsicht und Schulleiter haben die Verantwortung für die Verbesserung ihrer Schulen, sind für diese Aufgabe aber auch gut gerüstet.

Learning 2: Arbeit im Team. In den Schulen, die wir besucht haben, gab es Leitungsteams. Die Schulleiter orientieren sich hier an Studien und Fachliteratur, die besagt, dass dann, wenn in Leitungsteams eine Atmosphäre des Vertrauens herrscht, eine lösungsorientierte „Can do“-Einstellung entsteht. Diese führt zu einer großen Motivation für Verbesserungen und verringert die Angst vor Herausforderungen. Die Schulleiter berichteten, dass die Entwicklung solcher Leitungsteams in den norwegischen Schulen eine hohe Priorität hat.

Learning 3: Ausrichtung auf Qualitätskriterien. Wir haben mit Lehrern, Schulleitern, Schulaufsichten und Bildungswissenschaftlern gesprochen. Alle kannten die Kriterien und Messgrößen, nach denen sich Qualität an norwegischen Schulen richtet. Es gibt ein System von Qualitätsrahmen: Auf nationaler Ebene geht es um Kernkompetenzen und Werte, auf kommunaler Ebene wird das auf Curricula heruntergebrochen, die Einzelschule setzt das Lernen um. Dies schafft Transparenz und Klarheit darüber, worum es bei der Schulbildung geht und wie man diese Ziele mit allen Schülern erreicht.

Learning 4: Orientierung an der Entwicklung des einzelnen Schülers. Die Norweger erheben in verschiedenen Schulstufen nationale Leistungstests (so etwas haben wir in Deutschland auch, beispielsweise die Vergleichsarbeit VERA) zu Kernkompetenzen, die sie in ihrem Qualitätsrahmen formuliert haben. Die Daten bekommen die Kommunen und auch die Schulleiter. Eine Schulleiterin zeigte uns ihre Tabellen, die sie regelmäßig analysiert, um zu sehen, ob die Entwicklung klappt – oder etwa einzelne Kinder oder ganze Klassen oder Stufen nicht mitkommen. Wenn die Kinder vorankommen, zeigt ihr das, dass sie ihren Job gut macht. Das interessiert auch die Aufsichts- und ministerialen Ebenen über ihr. Ansonsten hat sie viele Freiheiten: Sie entscheidet, wen sie einstellt, wie der Unterricht gestaltet wird oder wie lange eine Schulstunde dauert.

Learning 5: Langer Atem. Bei unserem ersten Termin in der Kommune Loerenskog dachte ich, ich hätte mich verhört: Die Chefin der kommunalen Schulaufsicht sprach von einem 10-Jahres-Plan für die Qualitätsentwicklung auf nationaler Ebene. Später begegnete mir dann sogar ein 20-Jahres-Plan. Das sind Zeiträume, die den Zyklus von Wahlperioden bei weitem übersteigen. Was ist mit Ergebnissen für den Wahlkampf? Ich habe in Norwegen immer wieder sinngemäß gehört: „Wir schlagen besten Wissens und Gewissens diesen Weg ein, wir evaluieren und die Tendenz sieht gut aus. Aber ob es wirklich richtig war, wissen wir erst in einigen Jahren.“ Dieser Mut, mit Zielen, Anforderungen und Bedingungen auf Kurs zu bleiben, ermöglicht den Einzelschulen eine langfristig angelegte, stringente und damit erfolgreiche Arbeit an der Qualität.

Sicher haben wir auch für norwegische Verhältnisse Vorzeige-Orte besucht und es gibt auch im norwegischen System Probleme und Verbesserungsbedarf. Aber mit einer „Ja, aber-Einstellung“ werden wir in der Schulentwicklungsarbeit nie vorankommen. Wir können für die Verbesserung unseres Schulsystems in Deutschland einiges mitnehmen. Wir sollten den Fokus richten auf Führungsaufgaben und Teamarbeit. Wir sollten uns an bekannten und gut operationalisierten Bildungszielen ausrichten. Und wir sollten stabile Rahmenbedingungen für einen langen Zeitraum schaffen.

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