Vom Bastler zum Bachelor

Er liebte Videospiele und schraubte gerne am PC: Schon als Kind begeisterte sich Jens Huthmacher für Technik. Dass das zu einem Studium führen könnte, daran dachte er nicht. Durch einen Zufall öffnete sich eine Tür. Mit dem Programm Studienpioniere lernte er an der Westfälischen Hochschule Kommilitonen kennen, deren Eltern auch keine Akademiker sind.

Vom Bastler zum Bachelor
Stiftung Mercator

Auf dem Flur vor dem großen Computerraum erinnert sich Jens Huthmacher an seinen ersten Rechner. Mehr als zehn Jahre ist das inzwischen her, er bekam zu Weihnachten von seinen Eltern und dem Onkel einige Bauteile. Und weil er am zweiten Weihnachtstag Geburtstag hat, gab’s gleich noch ein paar mehr: Festplatte, Arbeitsspeicher, Grafikkarte. Er baute das alles zusammen – und hatte seinen ersten eigenen Computer. „Ja, ich bin wohl der geborene Techie“, sagt Huthmacher und lacht.

Anderthalb Stunden vorher, im Foyer der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Überall sitzen Studenten mit ihren Laptops. Zwischen den Tischen sind Rücksäcke verstreut. Durch die großen Fenster geht der Blick auf Wiesen und Bäume. Obwohl mitten im Ruhrgebiet, liegt die Hochschule im Grünen. „Es ist richtig schön. Vor meinem Studium wusste ich gar nicht, dass es hier so etwas gibt“, erzählt Jens Huthmacher. „Dabei bin ich ganz in der Nähe aufgewachsen.“

Computer aufgerüstet

Der 22-Jährige wird in Marl-Polsum groß, zehn Autominuten von der Hochschule entfernt. Der Vater arbeitet als Chemikant, die Mutter ist Hausfrau. Bei seinem Opa verbringt er als Kind viel Zeit in der Schreinerei. „Ich habe gerne mit den Holzresten gebastelt.“ Er engagiert sich in der Jugendfeuerwehr, fühlt sich wohl im Ort.

Die Schule ist nicht so seine Welt. „Ich habe schon ein paar Durchhänger gehabt“, so beschreibt er es. Nach der mittleren Reife macht er am Berufskolleg eine schulische Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten. Er spielt gerne mit den Kumpels am Computer, Ego-Shooter und Strategiespiele. „Auf LAN-Partys war ich unschlagbar“, sagt Huthmacher und grinst. Die Spiele wecken sein Interesse an der Technik, die dahinter steckt. „Ich habe meinen Computer aufgerüstet, mir neue Bauteile besorgt.“ Eltern und Großeltern, die mit im Haus wohnen, freut das: „Ich war sozusagen der Systemadministrator und wurde immer gefragt, wenn was nicht funktionierte.“

Auf dem Berufskolleg weiß Huthmacher nicht so richtig, wo es beruflich hingehen soll. Die Freunde bei der Feuerwehr beginnen handwerkliche Ausbildungen. „Das war für sie selbstverständlich.“ Eines Tages kommt ein Berufsberater ans Kolleg. „Ich war eigentlich skeptisch“, sagt Huthmacher – aber er geht hin. Der Mann fragt ihn direkt, ob er sich denn nicht ein Studium vorstellen könne, wenn er sich doch so für Technik interessiere. „Das hat mich überrascht. Ich dachte eigentlich, dass man nur studiert, wenn man Arzt werden will.“ Aber der Gedanke lässt ihn nicht mehr los. „Er hat für mich eine Tür geöffnet.“

Im großen Computerraum reiht sich Rechner an Rechner. Huthmacher setzt sich hinter zwei große weiße Monitore. „Hier habe ich programmieren gelernt“, sagt er. Die Inhalte seines Informatik-Studiums an der Hochschule begeisterten ihn gleich. „Anders als in einer Ausbildung konnte ich mich intensiv mit mehreren Programmiersprachen beschäftigen. Es ging nicht nur darum, ein konkretes Problem für eine Firma zu lösen. Das war eine tolle Herausforderung.“

Am Anfang nichts verstanden

Im Flur stehen riesige alte Computer in einem Glasschrank. An der Wand hängt ein Plakat, es zeigt „Die wichtigsten Naturwissenschaftler“. Klar, am Anfang war alles hier ungewohnt für Huthmacher. „Ich hatte keine Vorstellung, wie das an einer Hochschule so abläuft.“ Links geht es zu den Horsälen. Diesen Weg ging Huthmacher oft. „Am Anfang fand ich es merkwürdig, dass mehrere hundert Leute einem Professor zuhören. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mit den Professoren in Kontakt treten könnte.“ Das sei dann aber ganz einfach gewesen.

Im Erdgeschoss liegt die Bibliothek. An den Tischen sitzen überall Studenten vor Bücherbergen. Huthmacher spricht automatisch ganz leise. „Ich war mir zunächst unsicher, wie ich mein Studium organisieren muss.“ Er schaut auf riesige gebundene Bände, die in einem weißen Regal stehen. „Eigentlich mag ich Mathe total gerne. Aber in den ersten Stunden an der Hochschule habe ich gar nichts verstanden. Ich wusste nicht, was ich tun soll.“

Hilfe fand er durch das Programm Studienpioniere. Die Initiative fördert zehn Fachhochschulen, gezielt Erstakademiker zu rekrutieren und im Studium zu unterstützen. Nun geht das Projekt mit einer Abschlusstagung zu Ende. Mit einem Deutschlandstipendium bekam Huthmacher 300 Euro im Monat. „Das Geld an sich war nicht so wichtig. Aber ich habe es als riesige Auszeichnung empfunden, ein Stipendiat zu sein – das hat mich ganz besonders motiviert.“ Er lernte andere Studienpioniere kennen, die ebenfalls nicht aus Akademiker-Familien kamen. „Wir haben uns über vieles ausgetauscht. Ich konnte einfach meine Fragen stellen, das war super.“

Master geplant

Weiter den Gang runter riecht es nach Kaffee. Um die Ecke geht es zur Cafeteria. Hier ist es laut, an den Tischen sitzen die Studenten in Gruppen und tauschen sich aus. Hat sich etwas in seinem Umfeld durch das Studium geändert? „Nein, gar nicht“, sagt Huthmacher entschieden. „Meine Eltern haben mich unterstützt. Sie konnten mir zwar keine konkreten Ratschläge geben. Aber sie finden meinen Weg gut.“ Der Feuerwehr bleibt er treu, in seinem Freundeskreis ist er der einzige Student. „Am Beginn meines Studiums hatte ich andere Themen als meine Freunde, aber mittlerweile hat sich das wieder angenähert.“

Den Bachelor-Abschluss hat er inzwischen in der Tasche. Nun macht er mehrere Praktika, gerade ist er bei einem großen Unternehmen in Düsseldorf. Und dann? „Ich werde weiterstudieren und einen Master machen“, sagt Huthmacher.

Dann will er sich noch intensiver mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass die Maschinen selbst lernen. Während des Studiums entwickelte Huthmacher ein Programm, mit dem sich Ergebnisse der Fußball-Bundesliga vorhersagen lassen sollen. Es basiert auf vielen Archivdaten, ein Big Data-Projekt – die letzten Spiele werden berücksichtigt, der Tabellenplatz und manches mehr. Kommen da die Schalker, deren Stadion ganz nah an der Hochschule liegt, eigentlich besonders gut weg? Huthmacher lacht. „Nein, denn ich interessiere mich eigentlich gar nicht für Fußball. Die technische Herausforderung ist für mich spannend.“

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