Unsere Geschichte 2016

Ein Jahr der Einschnitte und Herausforderungen

Selten zuvor haben externe Ereignisse das Arbeitsumfeld der Stiftung Mercator so verändert wie im Jahr 2016. Die Entscheidung zum Brexit, das Anwachsen des Populismus innerhalb und außerhalb Europas oder auch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben Gewissheiten irritiert und herausgefordert. Das führt auch zu der Frage, wie nah wir als Stiftung an den gesellschaftlichen Veränderungen sind und wie wir genug Wissen über sie erlangen, um unsere Handlungsfähigkeit nicht einzubüßen. Mehr denn je sind wir aber davon überzeugt, dass unsere Themen und die Werte einer offenen, demokratischen Gesellschaft wichtig und unabdingbar sind.

Unsere Geschichte 2016

Die Einwanderungs- und Flüchtlingsströme sind weiterhin eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene. Der Populismus in Europa ist weiter auf dem Vormarsch und bedroht ein gemeinsames und solidarisches Europa – ein Europa, an das wir glauben und für dessen Zusammenhalt und Handlungsfähigkeit wir uns einsetzen.

Die politischen Veränderungen und die gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen wir als ernsthaft und besorgniserregend wahr, doch sind sie für uns eher ein Ansporn, unsere Arbeit mit Überzeugung und Konsequenz fortzuführen und zu erweitern.

Unsere Ziele, unsere Wege

Die negativen Schlagzeilen täuschen darüber hinweg, dass in vielen kleinen und großartigen Geschichten Chancengleichheit, Toleranz und Teilhabe für viele sichtbar werden. Sie finden sich in unseren Projekten und in den Berichten über diese wieder.
Verpflichtet bleiben wir unseren langfristigen Themen: Wir setzen uns uneingeschränkt für ein geeintes und handlungsfähiges Europa ein. Die Energiewende sehen wir ebenso als Motor für den Klimaschutz wie die notwendige Ausrichtung des Verkehrs zu einem neuen Verständnis von Mobilität. In der kulturellen Bildung liegt eine Schlüsselrolle vor allem für die Schule von morgen. Auch wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen, sind die Mühen der Integration und die damit verbundenen Herausforderungen keineswegs geringer geworden. Im Gegenteil: Wir müssen alles dafür tun, dass eine Willkommenskultur in Deutschland zum gesellschaftlichen Selbstverständnis gehört.
Im letzten Jahr sind wir diesen Zielen wieder ein Stück näher gekommen. Bei allem, was wir tun, haben wir die Wissenschaft als Wegbegleiter. Sie hilft uns, fundiert und systemisch zu arbeiten, unsere Arbeit zu evaluieren und unsere Themen bei aller Leidenschaft für unsere Ziele objektiv zu betrachten.

Die Herausforderung von Flucht und Einwanderung

Am deutlichsten zeigte sich diese Dringlichkeit im vergangenen Jahr beim Thema Flucht. Mehr als 65 Millionen Menschen waren 2016 auf der Flucht. Deutschland hat 280.000 Schutzsuchende im Jahr 2016 aufgenommen und bereits 890.000 im Jahr 2015. Diese drastischen Entwicklungen haben uns dazu bewogen, einen Schwerpunkt unserer Arbeit im letzten Jahr auf das Thema Flucht und Einwanderung zu legen. Wir haben 2016 Projekte mit einem Gesamtbudget von mehr als acht Millionen Euro gefördert, darunter das Projekt „Zusammen – Zuwanderung und Schule gestalten“, in dem Teams aus Lehrkräften, Sozialarbeitern und interkulturellen Beratern neue Konzepte für die Beschulung von eingewanderten Kindern entwickeln. Denn besonders neu zugewanderte Kinder müssen oft noch lernen, sich in Schule und Alltag zurechtzufinden.
IntegratiIn unserem Schwerpunktthema haben wir zudem im letzten Jahr mit dem „Exil-Ensemble“ des Gorki-Theaters geflüchtete Künstler und im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative geflüchtete Wissenschaftler gefördert. Auch die wissenschaftliche Analyse von Flucht und Migration ist nach wie vor ein Desiderat. Im Forschungsprojekt Mercator Dialogue on Asylum and Migration (MEDAM) erarbeitet derzeit eine Gruppe europäischer Wissenschaftler Handlungsstrategien zur europäischen Asyl- und Migrationspolitik. Die Stiftung Mercator möchte mit dieser Förderung dazu beitragen, die Debatte zu versachlichen und wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlagen zu schaffen.
Darüber hinaus ist es eins unserer zentralen Handlungsfelder, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und Teilhabe zu ermöglichen. Eine chancengleiche Partizipation kann jedoch erst erfolgreich gelingen, wenn eine Gesellschaft der Einwanderung und daraus erwachsender Vielfalt positiv gegenübersteht. Die von uns geförderte Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit & (Un-)Gleichwertigkeit 2016“ des Sozialpsychologen Andreas Zick von der Universität Bielefeld hat in diesem Zusammenhang das Integrationsklima in Deutschland analysiert und die Einstellungen, Gefühle und Vorstellungen der Bevölkerung Deutschlands gegenüber verschiedenen Gruppen untersucht: Die Ergebnisse zeigen, dass die Willkommenskultur abgenommen hat und eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft zu beobachten ist. Eine Erkenntnis, die wir mit Sorge betrachten, die uns in unserer Arbeit im Schwerpunkt Flucht und Einwanderung jedoch in unserem Handeln bestärkt. Darum streben wir im Cluster Integration auch nach einer Veränderung des politisch-gesellschaftlichen Diskurses sowie der Gestaltung eines positiven Integrationsklimas.

Durch Ganztag Teilhabe und Chancengleichheit fördern

Seit Januar wissen wir, dass es in Nordrhein-Westfalen 2017 das erste Volksbegehren seit 1978 geben wird. Ein Volksbegehren für die Rückkehr zu G9, aber zwischen den Zeilen auch für die Abkehr vom Ganztagsunterricht. Wir fördern die Qualitätsentwicklung im Ganztag, weil so die Chancengleichheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verbessert werden kann. In unseren geförderten Projekten arbeiten wir mit mehr als 350 Schulen in NRW zusammen, die dieses Ziel ebenfalls verfolgen.
Für mehr Teilhabe in Schulen setzt sich die Initiative „LiGa – Lernen im Ganztag“ ein, die im Jahr 2016 ihre Arbeit begonnen hat und in insgesamt fünf Bundesländern die Qualitätsentwicklung im Ganztag befördern will. Dabei werden erstmals Länderkonzepte entwickelt, die eine Qualifizierung sowohl von Schulen als auch der Schulverwaltung vorsehen. Ganztagsschulen haben mehr Zeit für Bildung – und das Potenzial, Schüler individuell zu fördern. In Zusammenarbeit mit erfahrenen Pädagogen wird ein individuelles und integratives Ganztagsschulprofil entwickelt, mit dem alle vom Ganztag profitieren können. Denn entscheidend für das Gelingen von Ganztag ist seine Qualität. Ein guter Ganztag vermag es, mehr Teilhabe zu ermöglichen und allen Schülern, unabhängig von ihrer Herkunft, die gleichen Chancen zu eröffnen.

Kunst macht mutig

Dass die Künste die Entwicklung der Persönlichkeit und die Entfaltung eigener Potenziale stärken, ist bekannt. Doch die Bedeutung kultureller Bildung für Wissenserwerb, Kreativität und Nachhaltigkeit in Schulen wird nach wie vor häufig unterschätzt. Dabei sind im schulischen Alltag Aktivitäten im Bereich der kulturellen Bildung zunehmend ein wichtiges Mittel, um der nachhaltigen Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher den Boden zu bereiten. Gerade künstlerische Aktivitäten wie Tanz, Malerei und Musik eignen sich, Kinder und Jugendliche unmittelbar in Interaktion und Kommunikation zu bringen und Sprachbarrieren zu überwinden. Unser Ziel ist es, Kunst und Kultur stärker in unserem Bildungssystem zu verankern und es damit im Hinblick auf eine neue Lehr- und Lernkultur zu verändern.
Einen großen Schritt zur Verankerung kultureller Bildung in Schulen hat 2016 unsere Partnergesellschaft MUTIK, vormals Forum K&B, gemacht. Sie plant und realisiert Projekte wie „Kulturagenten für kreative Schulen“, „Kreativpotentiale im Dialog“ und „Kunstlabore“ und trägt dazu bei, bessere Zugangschancen zu qualitativ hochwertigen Angeboten kultureller Bildung zu schaffen. So unterstützen rund 50 Kulturagenten in fünf Bundesländern Schulen dabei, ein umfassendes Angebot der kulturellen Bildung zu entwickeln und langfristige qualitätsvolle Kooperationen zwischen Schulen, Künstlern und Kulturinstitutionen aufzubauen. Durch das Projekt sollen möglichst viele Kinder und Jugendliche, die bislang nur in geringem Maße Zugang zu Kunst und Kultur hatten, kulturelle Bildung aktiv erfahren können. Denn der Umgang mit Kunst und Kultur ermutigt, sich auf Neues einzulassen und aktiv in die Gesellschaft einzubringen..

Gemeinsames Kochen - Gemeinsames Europa

Wie kann man, wenn Europa vor der Zerreißprobe steht, populistische Stimmen lauter werden und Vorurteile zunehmen, Menschen wieder für ein gemeinsames Europa begeistern? Wir haben drei Berliner gefördert, die einen Frachtcontainer zu einer mobilen Wohnküche umgebaut haben. „Kitchen on the run“ heißt die Initiative – sie ist einer der Gewinner unseres europaweiten Online-Wettbewerbs „Advocate Europe“. Mit der mobilen Küche haben sie Flüchtlinge und Einheimische zusammengebracht und waren damit fünf Monate lang auf der Flüchtlingsroute vom Mittelmeer bis nach Schweden unterwegs. Ihr dritter Stopp, nach Bari und Marseille, war bei uns im Ruhrgebiet, in Duisburg-Neumühl. Die Einheimischen haben die mobile Küche fast überrannt und die Resonanz war beeindruckend. So kochten an einem Abend Syrer, Iraker und Mongolen mit den Duisburgern in der kleinen mobilen Küche. Der Küchentisch ist oftmals der geselligste Ort, der Ort, an dem die spannenden Unterhaltungen stattfinden, der Ort, an dem man sich trifft und verweilt. Doch viele Geflüchtete haben diese Möglichkeit nicht mehr und können niemanden zu sich einladen.
Bei „Kitchen on the run“ können sie für einen Abend Gastgeber sein. Europa rückt somit auf engstem Raum zusammen und es wird Verständnis füreinander geschaffen. Mit dem wiederkehrenden Ideenwettbewerb „Advocate Europe“ haben wir eine Möglichkeit für die Umsetzung solch neuer und unkonventioneller Vorhaben geschaffen. So stärken wir die Handlungsfähigkeit Europas wie den Dialog der Europäer untereinander, mit dem Ziel, vor allem junge Europäer für ein starkes Europa zu begeistern.

Den Dialog ermöglichen: Die Eröffnung unserer Türkei-Büros

In Zeiten großer Ungewissheit über das zukünftige Verhältnis zwischen der Türkei und Europa hat die Stiftung Mercator am 8. Oktober ihr Istanbul-Büro feierlich eröffnet. Rund 100 internationale Gäste aus unterschiedlichen Sektoren erlebten eine gemein same Suche nach Formen eines kon- struktiven zivilgesellschaftlichen Dialoges zwischen der Türkei, Deutschland und Europa. Die Eröffnung des Istanbul-Büros war ein wichtiger Meilenstein in der Türkeiarbeit der Stiftung Mercator und unterstützt vor Ort durch die Förderung von Austausch und Begegnung ein besseres gegenseitiges Verständnis von Deutschland und der Türkei in einem gemeinsamen Europa.
Derzeit unterstützt die Stiftung Mercator rund 40 türkeibezogene Projekte mit einem Förderbudget von aktuell circa 25 Millionen Euro. Hierzu gehört die „Istanbul Policy Center – Sabancı University – Stiftung Mercator Initiative“, deren Herzstück das Mercator-IPC-Fellowship-Programm ist, welches einer Vielzahl von Wissenschaftlern und Praktikern mehrmonatige Aufenthalte in der Türkei ermöglicht. Wir tragen mit unserem Engagement dazu bei, den Dialog mit der Türkei sowie den Austausch von Menschen und Ideen zu fördern und ein Verständnis füreinander zu schaffen.

Förderung des Schüleraustauschs "Check dich aus!"

Über den Tellerrand schauen und sich neuen Herausforderungen stellen – das möchten wir Schülern und Jugendlichen ermöglichen. Daher fördern wir mit Mercator Exchange in Zusammenarbeit mit unseren Partnern ein Programm, das jungen Menschen diese Chance bietet. Ein Austausch ist eine wertvolle Möglichkeit, Brücken zu bauen, die dabei helfen, dass wir einander verstehen und voneinander lernen. Aber wie erreicht man als Stiftung eine junge Zielgruppe und begeistert sie für einen Schüleraustausch? Wir haben 2016 „Check dich aus!“ ins Leben gerufen, eine Kampagne, die den Schüleraustausch zwischen Deutschland und China fördert. Auf check-dich-aus.de können sich Schüler, Eltern, Lehrer und Gastfamilien umfassend informieren. Sie gewinnen authentische Eindrücke von aktuellen Austauschschülern und Alumni, die von ihrer Zeit in China berichten. Von den ersten Schritten im Alltag bis zum Moment der Rückkehr: In Videos, Bildern und Texten erzählen die Jugendlichen vom Abenteuer China. Als Botschafter des Monats berichten sie auf dem #checkdichaus- Instagram- und Facebook-Kanal aus erster Hand von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Auch die YouTuber Flo und Mirella halten den chinesischen Alltag mit der Kamera fest und nehmen ihre Communitys mit auf die Reise nach Peking und Shanghai.

Wissenschaft und Verlässlichkeit von Fakten

Gerade in Zeiten von Fake News und Begriffen wie „postfaktisch“ wird es umso wichtiger, sich auf Fakten, Ergebnisse und ihre Genese verlassen zu können. Daher fördern wir mit dem Mercator Science-Policy Fellowship ein Programm, in dem Fellows aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Medien für den Wert wissenschaftlicher Erkenntnisse und die zugrunde liegenden Prozesse des Erkenntnisgewinns sensibilisiert werden. In einer Zeit, in der Entscheidungen nicht mehr faktenbasiert getroffen werden, ist es umso wichtiger, auf verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzugreifen, wenn man mit seinem Handeln langfristige Wirkung erzielen möchte.

Agora Verkehrswende  - die Verkehrswende voranbringen

Trotz Klimazielen und Energiewende gibt es einen Sektor, dessen Emissionen auch 2016 nicht abgenommen, sondern zugenommen haben: der Verkehrssektor. Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, wenn das Pariser Klimaschutzabkommen gelingen soll, brauchen wir also auch eine Verkehrswende. Wir haben deshalb 2016 die Agora Verkehrswende gegründet. Um die deutschen Klimaschutzziele nach dem Klimaabkommen von Paris zu erreichen, muss der CO2-Ausstoß des Verkehrs bis 2050 auf nahezu null vermindert werden. Derzeit verursacht der Verkehrssektor noch rund 20 Prozent der deutschen Treibhausgase. Wie die Grundlagen einer umfassenden Klimaschutzstrategie für den Verkehrsbereich aussehen können, erarbeitet die Agora Verkehrswende im Dialog mit zentralen gesellschaftlichen Akteuren.

Unser Weg zu mehr Tranparenz - unser Umzug 2016

 Die Transparenz unserer Arbeit wollen wir auch mit unseren neuen Räumlichkeiten symbolisieren, die wir im März 2016 bezogen haben. Das komplette Architekturkonzept der Immobilie ist auf Kommunikation, Offenheit und Austausch ausgerichtet. Die transparente und lichte Architektur ist angelehnt an dieses Konzept und bietet Ein- und Ausblicke in alle Gebäudeteile.
Das neue Haus auf der Huyssenallee will ein Ort des öffentlichen Diskurses sein, ein Ort, von dem neue Impulse in die Gesellschaft ausgehen. Auf rund 4.500 Quadratmetern, mit viel Licht und Glas, bietet es den Mitarbeitern, Partnern und Freunden der Stiftung eine Umgebung und Atmosphäre, die kreatives und gemeinsames Arbeiten fördert und neue Ideen ermöglicht. Das Haus steht dafür, wie wir in Zukunft arbeiten wollen: offen, vernetzt und zukunftsorientiert.
Dabei ist das neu errichtete Gebäude auch ein klares Bekenntnis zum Standort Essen und zum Ruhrgebiet. Seit der Gründung der Stiftung 1996 ist das Ruhrgebiet die Heimat und ein wichtiger Wirkungsraum der Stiftung Mercator.

Große und kleine Schritte zu unseren Zielen

Mit der Förderung und Durchführung unserer Projekte, ob im Ruhrgebiet, national oder international, machen wir je nach Möglichkeit manchmal große, manchmal kleine Schritte – aber alle folgen dem Ziel, einen Beitrag für eine weltoffene und solidarische Gesellschaft zu leisten. Daran wollen wir auch weiter arbeiten, bei allen aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, mit wissenschaftlicher Expertise und Leidenschaft – für eine nachhaltige und langfristige Wirkung.

Aktuelles zu dem Thema

Pressemitteilung der Stiftung Mercator

Stiftung Mercator bewilligt über 63 Millionen Euro in 2016

Einwanderungs- und Flüchtlingsströme und das Erstarken des Populismus in Europa waren die größten [...]