Schauspiel auf Schienen

TÜR AUF, TÜR ZU, WEITER GEHT DIE FAHRT. BIS ZUM NÄCHSTEN HALT. EINMAL QUER DURCH ESSEN MIT DER LINIE 107. ZU GAST IM ROLLENDEN THEATER, AUF DER SUCHE NACH BEGEGNUNGEN, NACH UNVORHERGESEHENEM UND NACH DEN MENSCHEN HINTER DEN KLISCHEES

Ein Tag im Mai, vormittags, an der Stadtgrenze zwischen Gelsenkirchen und Essen-Katernberg, kurz hinter der Trabrennbahn. An den Fenstern der Straßenbahnlinie 107 rinnt der Regen herunter. Draußen ist es kalt für die Jahreszeit und dieser Zustand dauert sicher bis über das Ende der Fahrt vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof nach Essen- Bredeney hinaus an. Nächster Halt „ Triple Z“: Ein junger Mann mit tiefschwarzen, modisch geschnittenen Haaren steigt ein, setzt sich entgegen der Fahrtrichtung auf einen Einzelsitz. Enge Jeans an den dünnen Beinen, neue rote Sneaker, eine abgewetzte Plastiktüte zwischen den Füßen, darin eine Limonade, die er dann und wann hervorzieht. Seine Schulter unter der dünnen schwarzen Trainingsjacke an die kühle Scheibe gelehnt, in den Ohren weiße In- Ears, dazwischen Musik, die Finger wippen im langsamen Takt dazu. Er schaut aus dem Fenster, sein verhangener Blick sucht Halt an etwas, das flüchtig vorbeizieht. Ein alltägliches Bild, das frierend macht. „Wir nehmen das Bild nie vollständig wahr“, schrieb Gilles Deleuze 1998 in „Das Zeit-Bild“, seinem zweiten Buch zum Kino, „wir nehmen immer weniger wahr. Nämlich nur das, was wir wahrzunehmen bereit sind. Wir nehmen also normalerweise nur Klischees wahr. Was wäre ein Bild, das kein Klischee ist? Wo hört das Klischee auf und wo fängt das Bild an?“ An diesen Zitatschnipsel aus der Dortmunder Schauspiel-Inszenierung „Die Borderline Prozession“, jüngst zum Berliner Theatertreffen eingeladen, muss ich unvermittelt denken.

„Wir nehmen nur Klischees wahr. Wo hört das Klischee auf, wo fängt das Bild an?“

Was mag die Geschichte des jungen Mannes mit den roten Sneakern sein? Warum die abgewetzte Plastiktüte? Seine Jeans hingegen nagelneu? „Wir nehmen nur Klischees wahr. Wo hört das Klischee auf, wo fängt das Bild an?“ Auf der Suche nach dem Bild hinter den Klischees, die sich mir aufdrängen, frage ich mich, was sein haltloser, sich manchmal eintrübender Blick festhalten will. Seine Heimat? Seinen Vater? Seine erste Liebe? Oder sind auch das nur Klischees, die sich einstellen?

Auf meinem Platz am Ende des Straßenbahnwagens sitzend, beobachte ich all die anderen Menschen in der 107. Die Essener Verkehrsbetriebe haben diese 17 Kilometer lange Route KulturLinie genannt: Auf ihr reihen sich auf der Fahrt von Nordost nach Südwest, von Gelsenkirchen-Zentrum in den grünen Essener Süden rechts und links die Kulturinstitutionen wie Perlen auf einer Schnur. In rund 35 Minuten fahre ich an Theatern (Musiktheater im Revier, am PACT Zollverein, am Grillo und am Katakomben-Theater) vorbei, an Museen (Folkwang), Kirchen (Marktkirche), an der Fatih-Moschee, der Alten Synagoge, am Kulturwissenschaftlichen Institut, an historischen Gebäuden (Hans-Sachs-Haus) und und und. Dazwischen gibt es neuralgische Haltepunkte, wo ein Großteil der Fahrgäste wechselt, aussteigt, zusteigt: „Katernberger Markt“ ist so eine Haltestelle oder „Abzweig Katernberg“, „Essen-Hauptbahnhof“ sowieso, wo vormittags aus der Linie 107 eine 108 wird. Die 107 durchquert – wie zahlreiche Linien des Ruhrgebiets – die Städte, verbindet einzelne Quartiere und macht sichtbar, wie verschieden die Lebensumstände und -entwürfe sind. Klischees wollen sich unweigerlich aufdrängen, entlang von sozialen Standards, kulturellen Codes, habituellen Unterschieden, ethnografischen Details oder modischen Äußerlichkeiten – alles Klischees, so denkt es in mir. Aber wie gelange ich zum umfassenderen Bild? Was macht sie aus, die Menschen, die hier stehen und sitzen, was besonders? Was gibt ihnen Halt?

Mein Platz ist ideal, am Ende des Straßenbahnwagens – ich liebe es, von hier zu beobachten, wie sich das Schauspiel des Alltäglichen vollzieht und immer von neuem abspult: Halt. Die Türen der Tram öffnen sich, Menschen hinaus und hinein, die Türen schließen sich, losfahren und wieder Halt und wieder von Neuem. Spielen wir doch mal Theater: Jede Haltestelle eine neue Szene; Vorhang auf, Vorhang zu, Spieler treten ein, setzen sich, stehen, stehen auf, verlassen die Bühne, Vorhang auf, Vorhang zu. Die KulturLinie 107 verwandelt sich in ein rollendes Theater, das meinen beobachtenden Blick zu schärfen beginnt – denn für eine kurze Zeit gibt es von dieser Bühne des Alltags kein Entrinnen. Die 107 ist wie jede Straßenbahn für kurze Zeit ein geschlossenes System, kein öffentlicher Platz, keine Passage, wo alles flüchtig ist. Der ungleich höhere Druck, sich zu anderen zu verhalten, in Beziehung zu setzen, schafft Begegnungen, selbst der individuelle Rückzug ist eine Entscheidung. Jeder fremde Blick kann die eigene Komfortzone verletzen, jede Interaktion kostet etwas. Als teilnehmender Beobachter schaue ich dem ungeprobten Schauspiel des Alltags fasziniert zu. Eine Schule des Sehens. Interessant ist all das, wo sich die Menschen unverstellt geben – und unverstellt sind die Spieler der Linie 107 immer dann, wenn Unvorhergesehenes geschieht ...

Ein weiteres Klischee stellt sich ein, das ich auch schnell bestätigt finde: Alle Fahrenden und Reisenden sind mit sich selbst allein. Der Regen rinnt draußen immer noch herunter und wischt die Scheiben blank. Die allermeisten scheinen damit beschäftigt zu sein, nicht vorzukommen, nicht in Erscheinung zu treten. Strategien des Rückzugs, der Kontaktverweigerung, der Vereinzelung, wohin ich blicke: iPad, Handyspiel, riesige Kopfhörer, mal eine Zeitung oder ein Buch, jeder zweite Blick geht ins Mobiltelefon – unsocial media, denke ich. Doch ist das alles? Was gibt es jenseits des Klischees zu entdecken?

Dann endlich, an der Haltestelle „Nikolausstraße“, nördlich des Essener Hauptbahnhofs: Mehrere Fahrgäste verlassen die Bahn. Eine Frau, die es nicht leicht hat, ihren offensichtlich schweren Rollkoffer die Stufen des Wagons emporzuwuchten, steigt mühselig ein. Das dauert und die Türen wollen schon zugehen, als unten vor den Trittstufen eine ältere Dame mit Rollator und lautem Rufen auf sich oder darauf aufmerksam macht, dass die Türen schließen oder dass sie Hilfe benötigt. Mit Erstaunen beobachte ich, dass nicht nur die am nächsten zur Tür sitzende junge Frau sofort aufspringt. Auch eine Mutter mit Kopftuch, die den Schulranzen ihrer vielleicht neunjährigen Tochter schnell auf dem Sitz hinter sich abstellt, ist mit vier schnellen Schritten an der hydraulisch zischenden Tür. Mehrere junge Männer, die ich seit zwei Haltestellen beobachtet habe, unterbrechen ihre Unterhaltung auf Arabisch und drängen ebenfalls zur Tür. Ein fast überbordendes Hilfsangebot bringt die alte Dame und ihren Rollator nicht nur in den Wagen, sondern auch auf einen Platz, der eben noch besetzt war.

Die Tür schließt. Die 107 ruckt, weiter geht’s. Ein oder zwei Haltestellen später steigen drei Teenagerinnen ein, stehen in einiger Entfernung zu den hilfsbereiten jungen Männern, sind, wie sich recht schnell herausstellt, dem Arabischen unkundig. Die jungen Männer beobachten zunächst genau, versuchen dann aus der Gruppe heraus, die jungen Frauen anzusprechen. Gar nicht so leicht, denke ich, aber charmant. Vorsichtiges Lachen im Schutz der Gruppe. Blicke wandern hin und her. Einer der jungen Männer, der schmächtigste von ihnen, wird noch munterer und verlässt das sichere Terrain. Er geht zu den jungen Frauen, die im Mittelgang stehend mit lässigen Gebärden und schnellen Worten ihren Raum markieren; plötzlich zerbricht die abweisende Fassade und leichte Worte beginnen hin- und herzufliegen, überbrücken die Differenzen ihrer augenscheinlich so grundverschiedenen Lebensgeschichten, die eben noch wie schwere Steine zwischen den jungen Leuten gelegen haben. Die Worte werden sicherer, belastbarer, geben Halt. Scherze, ein befreites Lachen – und der junge Mann dreht sich siegesgewiss zu seinen Freunden um. An der nächsten Station steigen alle gemeinsam aus.

Am Essener Hauptbahnhof endet zu manchen Tageszeiten die Fahrt mit der 107. Alle steigen aus, gehen ihrer Wege oder stehen, gehen, warten. Ich will weiter mit der 107 nach Bredeney, den wohlhabenden, ein wenig überalterten Stadtteil im Essener Süden. Villen, wenig zerstört im Krieg, der Wald liegt nah, auch die Krupp’sche Villa Hügel und noch ein wenig weiter der Baldeneysee. Hier liegt das andere Ende der KulturLinie, die häufig herhalten muss für Betrachtungen zum Süd-Nord-Gefälle im Ruhrgebiet. Doch das ist nicht das Thema. Mich interessiert, wie ich nach Bredeney komme. Jetzt, am späten Vormittag fährt nur die 108 weiter vom Essener Hauptbahnhof dorthin. „Wie? Keine durchgehende Linie mehr? Warum?“, frage ich eine Frau, die ebenfalls mit mir wartet. Warum ich die 107 nehmen wolle, fragt sie mich, die 108 fahre doch dieselbe Strecke. Sie duzt mich, ohne unhöflich zu sein. Ich erkläre es ihr und wir sind im Gespräch. Drei Sätze später erscheint zufällig eine ihrer Bekannten, die ebenfalls nach Bredeney fährt – und die beiden vertiefen sich ins Gespräch; ich ziehe mich zurück und hänge meinen Gedanken nach.

Es fallen mir noch zwei weitere Begegnungen zufälliger Art ein. In beiden Fällen ältere Damen, einmal südlich, einmal nördlich des Essener Hauptbahnhofs, die, an verschiedenen Haltestellen einsteigend, sich zufällig in der Bahn begegnen und das Neueste aus der Nachbarschaft oder der Familie austauschen. In beiden Situationen sitzen sie nebeneinander, den Gang aber zwischen sich. So lässt es sich vertraut miteinander sprechen, man ist sich aber nicht zu nah, wenn man sich nur flüchtig kennt und sich zurückziehen will – nie würde das Schweigen oder ein Halt im Gespräch unangenehm. Die Straßenbahn und ihre Haltestellen werden zum Marktplatz, zum rollenden Umschlagplatz für Nachrichten aller Art. Irgendwie lassen diese drei zufälligen Begegnungen in der Straßenbahn Essen ziemlich dörflich erscheinen – alles so vertraut, einander bekannt, denke ich, mitten in dieser Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern.

Schließlich kommt die 107/108 und ich suche mir wieder meinen Lieblingsplatz am Ende des Wagens, der jetzt leerer ist als nördlich des Essener Hauptbahnhofs. Fahre mit „meinen“ wenigen Spielern noch einige Stationen nach Bredeney und dann, nach einer Schleife, wieder zurück gen Norden. Mein Platz auf der Suche nach dem Unvorhergesehenen, das erst gegen Ende der Fahrt, in Essen-Katernberg wieder geschieht ...

Am „Krankenhaus Stoppenberg“ muss er eingestiegen sein: Ein Mann Mitte 50, die Schultern gebeugt, der Gang eher schlurfend, rote, leicht ausgebleichte Schirmmütze, darunter langes, strähniges, farbloses Haar, fusseliger Bart, in der linken Hand ein roter Jutebeutel, steht in der Mitte des Wagens, setzt sich auf keinen der freien Sitze. Ob der saure Geruch des vermutlich kürzlich genossenen Alkohols von ihm ausgeht, kann ich nicht zweifelsfrei sagen. Ich beobachte ihn, er beobachtet seine Mitreisenden. Eine junge Backpackerin steht auf, wuchtet sich den schweren Rucksack auf den Rücken, setzt den einen Gurt auf ihre linke Schulter; ihre Hand sucht tastend den rechten Schultergurt, versucht, ihn zu greifen – erfolglos. Er, der in ihrem Rücken steht und ihr Mühen genauso wie ich beobachtet hat, macht einen halben Schritt auf sie zu und führt den Schultergurt unmerklich an ihre Hand heran, ohne diese zu berühren. Sie bekommt ihn zu fassen, greift ihn und zieht sich den schweren Rucksack auf den Rücken; eine stille, kleine, selbstverständliche Geste, die keine Aufmerksamkeit sucht und nichts erwartet, vielleicht genauso wenig wie er selbst. Sie steigt aus, hat von alledem nichts mitbekommen. Er nimmt nah an der Tür Platz.

Dann der nächste Halt, an dem eine Mutter mit Kind und Buggy die drei Stufen der Hochbahn mühsam erklimmt. Drinnen an der Tür steht ein junger Mann angelehnt, das Telefon am Ohr, die Beine lässig kreuzend versperrt er den halben Einstieg, macht keinen Platz, hilft nicht. Die junge Mutter mit bodenlangem Mantel und Kopftuch stößt ihn versehentlich mit dem Buggy an und entschuldigt sich dafür. Unser unscheinbarer Rucksack-Helfer mit der ausgebleichten Schirmmütze, der zugesehen hat, ist wieder da – und macht ihr mit einer Handbewegung andeutend Platz.

Ich passiere wieder die Stadtgrenze nach Norden, die Trabrennbahn zieht vorbei, ebenso das Grün Gelsenkirchens und das Musiktheater. Die letzten Stationen zum Hauptbahnhof fahre ich unter Tage und resümiere meinen Ausflug mit dem rollenden Theater. Ich habe Menschen gesehen, die sich bewusst zurückziehen und dafür ein großes Repertoire an Fluchtmechanismen besitzen – sicher, dieses Klischee bestätigt sich. Doch viele Menschen in der Essener Straßenbahnlinie 107 geben auch ein anderes Bild ab, sie sind ein Spiegel unserer vielfältigen Gesellschaft: In den allermeisten Fällen, entgegen meiner Erwartungen, gibt es überall da, wo Menschen ungewollt zusammenkommen, jenseits des Rückzugs die gelebte Bereitschaft, sich hervorzuwagen, zu kommunizieren, zu interagieren. Blicke tasten ab und Gesten sprengen die eigene Komfortzone, Berührungen, helfende Hände, Fragen, die Gespräche eröffnen. Immer wieder bemerke ich, wie die genaue Beobachtung, wie Blicke Situationen entscheidend verändern. Der fein Beobachtende in diesen ungewollten Verabredungen auf Zeit weiß, wer wann welche Hilfe benötigt; er weiß, wer gesprächsbereit ist, er weiß, wie aus zufälligen und unabänderlichen Situationen Begegnungen zwischen Menschen werden können. Und ganz sicher hat dies mit der unausgesprochenen Verabredung eines alltäglichen Theaters zu tun: Wir sind Zuschauer und zur teilnehmenden Neugier begabt – Begegnung suchend und Halt schenkend.

Autor: Michael Eickhoff ist seit der Spielzeit 2010/11 Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum).