Rendezvous im Randbezirk

Wenn Kreativität Mauern zu Türschwellen macht, wird Kultur wieder zu dem, was sie eigentlich ist: Bindeglied statt Unterscheidungsmerkmal

Zeitgenössisches Theater im Brennpunkt? Klaviermusik des 20. Jahrhunderts mit Grund- und Gesamtschülern? Passt das zusammen oder werden hier unterschiedliche Welten zum Miteinander gezwungen? Wie laufen solche Begegnungen ab? „Das Sensationelle ist eher die Selbstverständlichkeit, die Offenheit und die spontane Kreativität der Kinder und Jugendlichen“, sagt Tobias Bleek, Leiter des Education-Programms des Klavier-Festivals Ruhr. Gemeinsam mit Lehrern zweier Grundschulen, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“, eines Gymnasiums und einer Gesamtschule aus Duisburg-Marxloh entwickelt das Projekt seit Jahren kreative Wege, um Schülern die Schönheit von klassischer Musik und den Wert der eigenen Kreativität nahezubringen. Ziel ist es auch, die Schulen langfristig miteinander zu vernetzen. So wurde in den vergangenen Jahren unter anderem ein Lehreraustausch zwischen Grundschule und Gymnasium ins Leben gerufen.

Rendezvous im Randbezirk
Forum K&B

Dass sich Kinder mit Beeinträchtigungen oder aus schwierigen Verhältnissen gemeinsam mit Gymnasiasten für die anspruchsvolle Musik von Béla Bartók begeistern, klingt zunächst nach einem bildungsbürgerlich-kitschigen Wunschtraum. Doch genau dies sah der Plan für das Schuljahr 2014/2015 vor. Mehr als 400 Grundschüler, Förderschüler und Gymnasiasten beschäftigten sich intensiv mit Musik und Gedankenwelt des ungarischen Komponisten und Pädagogen. Der Höhepunkt waren zwei öffentliche Education-Aufführungen, die nicht nur beeindruckende Musik, sondern auch Tanzdarbietungen umfassten. Der Erfolg derartiger Projekte überrascht die Macher nicht mehr. Vielmehr ist er erklärbar: „Kinder haben gerade dann eine enorme Merkfähigkeit, wenn in Lernprozessen Endorphine ausgeschüttet werden“, sagt Franz-Xaver Ohnesorg, Intendant des Klavier-Festivals Ruhr. „Wenn man es also als Lehrer oder Künstler schafft, dass Kinder eigene künstlerische Dinge tun wollen oder erfinden, dann hat man schon gewonnen, und man kann förmlich zusehen, wie in den Gehirnen die Synapsen wachsen.“

Ohne Spannung fließt kein Strom

Tatsächlich reflektieren Erwachsene mit der Annahme, die anspruchsvolle Musik des 20. Jahrhunderts sei nichts für Kinder, häufig nur ihre eigene musische Entwicklung. Und sie zeigen auch die heute weit verbreitete Neigung, sich vermeintlichen Gegensätzen eben nicht auszusetzen, sondern diese zu meiden. Dabei vergessen sie jedoch, dass ohne Spannung kein Strom fließt. Insbesondere bei Kindern ist das eher passiv geprägte Grenzdenken unserer Tage noch nicht so fest verankert. Ihnen fällt der Perspektivenwechsel leichter. Es dauert nicht lange, bis sie erkennen, dass Mauern manchmal nicht höher sind als Türschwellen. Zu entdecken, welche Energien fließen, wenn Kultur ihre angestammte Umgebung verlässt und sich in Welten begibt, die ihr so fremd sind, wie sie ihnen fremd ist, ist für die Beteiligten wie Bleek und Ohnesorg eine immer wieder aufs Neue fantastische Erfahrung.

Aber stößt diese „Kulturschocktherapie“ nicht dennoch an Grenzen? „Grenzen an sich sind gar nicht das Problem, sondern wie man mit ihnen umgeht. Wenn Erstklässler Schwierigkeiten bei der Körperbeherrschung haben, müssen wir das natürlich berücksichtigen“, sagt Tobias Bleek und ergänzt: „Andererseits ist ein gutes Projekt eines, bei dem alle an Grenzen stoßen. Grenzen sind für uns Herausforderungen, die wir gemeinsam mit Lehrern und Schülern bearbeiten. Dabei lernen wir alle voneinander.“ „‚Trial and Error‘ ist auch für das kreative Lernen das beste Prinzip“, bestätigt Ohnesorg und beruft sich dabei auf den Geiger Isaac Stern, der ihn vor Jahren an die Carnegie Hall nach New York geholt hatte: „Music makes you intelligent“, lautete Sterns Überzeugung.

Kreativen Umgang mit Grenzen neu erlernen

Das vehemente Bekämpfen oder Leugnen von Grenzen und Unterschieden wäre also nicht nur sinnlos, sondern auch töricht. „Natürlich gibt es auch Vorbehalte gegenüber der jeweils ‚anderen‘ Seite, die sollte man nicht wegdiskutieren wollen“, erklärt Diemut Schilling, Professorin für Zeichnung und Druckgrafik vom Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule bei Bonn. Denn Grenzen geben dem Menschen auch Sicherheit und helfen ihm dabei, Räume zu definieren, die er ausfüllen und selbst gestalten will. Schritt für Schritt kann so ein Selbstbewusstsein entstehen, aus dem dann Handlungsfähigkeit erwächst, die wiederum auch Grenzen infrage stellen kann. Diesen kreativen Umgang mit Grenzen hat die moderne Gesellschaft weitgehend verlernt. Vielmehr ist sie darauf spezialisiert, Lebensbereiche voneinander abzuschirmen und Grenzwerte festzulegen, die möglichst nicht überschritten werden. Das gilt auch für die Kultur: „Hochkultur ist ein Privileg der gehobenen urbanen Mittelschicht und der Oberschicht“, sagt Cathrin Rose, Dramaturgin für Vermittlung bei der Ruhrtriennale, einem internationalen Kunstfestival im Ruhrgebiet. „Dieses Denken hat die Kultur selbst mittlerweile so verinnerlicht, dass sie häufig gar nicht mehr versucht, nach draußen zu kommunizieren.“ Schon der Begriff Hochkultur reflektiert diese künstliche Erhöhung gegenüber vermeintlich „kulturfernen“ Gesellschaftsschichten und steht damit im Widerspruch zur Idee der kulturellen Integration.

„Das Ganze ist wie bei einem ersten Rendezvous: Man trifft aufeinander und ist unsicher, doch dann öffnet man sich, um sich kennenzulernen. Wenn es gut läuft, haben beide Seiten etwas davon.“

Sehr gespannt beobachtet Cathrin Rose daher, was mit der „Hochkultur“ und ihrem angestammten Publikum passiert, wenn plötzlich zahlreiche Kinder bei der Premiere einer Ruhrtriennale-Veranstaltung in der ersten Reihe sitzen, viele davon zum ersten Mal in ihrem Leben. „Das Ganze ist wie bei einem ersten Rendezvous: Man trifft aufeinander und ist unsicher, doch dann öffnet man sich, um sich kennenzulernen. Wenn es gut läuft, haben beide Seiten etwas davon.“ Und immer wieder zeigt sich: Offenheit und Bereitschaft, Grenzen zu überwinden, sind keine Frage der sozialen Herkunft, sondern angeborene menschliche Fähigkeiten. Diese sind lediglich unterschiedlich tief verschüttet und müssen ans Tageslicht geholt werden. Gelingt dies,ziehen auch die Künstler einen enormen Nutzen daraus, wie Klavier-Festival-Intendant Ohnesorg weiß: „Professionelle Musiker sind häufig eher skeptisch, wenn sie vor und mit Kindern musizieren sollen. Aber immer wieder kommen sie danach zu mir und sagen: ‚Jetzt wissen wir wieder, warum wir Musiker geworden sind!‘“ Die unbefangene Reaktion der Kinder erinnere sie an ihre eigenen Anfänge.

Die Grenzen des Vertrauten überschreiten

Wenn Kultur sich aus ihren vertrauten sozialen Milieus herausbewegt, entsteht eine Spannung, die in alle Richtungen wirkt. Dies ist nicht nur für die Menschen, die bisher über derartige Kulturerfahrungen nicht verfügten, sondern auch für die Künstler selbst zuweilen absolutes Neuland. „Es ist ganz wichtig, diese Dimension von kultureller Bildung wertzuschätzen“, betont Bleek. Denn Kunst ist immer auch die Suche nach Neuland mit dem Ziel, die Grenzen des Vertrauten zu überschreiten. Kulturelle Bildung ist insofern durchaus als Vermittlung von Neulandkompetenz zu verstehen. Dass hier Kompetenz auch aufseiten der Kunst gefragt ist, erschließt sich dem Laien nicht immer sofort.

Zudem besteht die Gefahr der Instrumentalisierung von künstlerischen und kunstpädagogischen Projekten. „Gerade in der Kunstszene hat sich in letzter Zeit eine Art Brennpunkttourismus entwickelt“, beschreibt Diemut Schilling die Motivationslage einiger Künstler als nicht gerade uneigennützig. Zu gut mache es sich im Künstlerlebenslauf, wenn man sich selbst mal hinaus in die Randbereiche der Gesellschaft traue. Gerade deshalb betonen die in solchen Spannungsbereichen tätigen Institutionen die Bedeutung des langfristig angelegten gemeinsamen Engagements im Gegensatz zu einer flüchtigen Begegnung. Denn so werde sichergestellt, dass die Lernprozesse keine Einbahnstraßen seien, sondern inmitten der Gesellschaft und in alle Richtungen wirken könnten.

Inmitten eines spannungsgeladenen und vielfältigen Gesellschaftsbereiches wirkt auch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen: Das Orchester, das als eines der besten der Welt gilt, hält seine Proben in der am Stadtrand gelegenen Gesamtschule Bremen-Ost ab. Seit einigen Jahren entwickelt sich hier eine ganz besondere Arbeits- und Wohngemeinschaft: Die Musiker treffen in den Pausen wie auch in der Mensa auf Schüler, die zu großen Teilen einen Migrationshintergrund haben und aus schwierigen Verhältnissen stammen. Aber beide Gruppen leben nicht nur nebeneinander her. In zahlreichen gemeinsamen Projekten werden die Energien aus Schule und Orchester gebündelt und sie strahlen auf den gesamten Stadtteil ab.

Erlebnisse, die die Kreativität beflügeln

Dabei sehen es die Musiker der Kammerphilharmonie nicht als ihre Aufgabe an, den Schülern Musik nur theoretisch zu erklären und vorzuführen, sondern sie wollen Erlebnisräume für Musik schaffen, die die Kreativität beflügeln. Mit großem Erfolg: Zweimal jährlich verarbeiten die Jugendlichen in gemeinsamen Konzertabenden unter dem Motto „Melodie des Lebens“ persönliche Geschichten und Lebenserfahrungen in Songtexten und Performances. Von diesem „Zukunftslabor“, das bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat und als Modellprojekt gilt, profitieren nicht nur die Schüler, das Schulklima und das Viertel, sondern auch das Orchester, da es erlebt, wie einfach der Zugang zur klassischen Musik sein kann, ja, wie schnell sie sogar „cool“ werden kann. Dass kulturelle Bildung an sozialen Schnittstellen nicht nur neue Berührungspunkte schafft, sondern zur Entstehung einer neuen gemeinsamen Kultur beiträgt, erlebt in ebenfalls intensiver Art und Weise das Schauspiel Köln. Aufgrund der Sanierung der eigenen Spielstätte in der Innenstadt musste das Ensemble in das Arbeiter- und Migrantenviertel Mülheim ausweichen, in die unmittelbare Nachbarschaft der Keupstraße, einer stark türkisch geprägten Geschäftsstraße, die 2004 wegen des Nagelbombenattentats traurige Berühmtheit erlangt hatte. Bevor bekannt wurde, dass der NSU den Anschlag verübt hatte, waren große Teile der Öffentlichkeit lange von einer viertelinternen Gewalttat ausgegangen, was zu enormer Verbitterung und einer fortschreitenden Entfremdung und Abkapselung der dortigen Bevölkerung führte.

In dieses Viertel zog nun das Schauspiel Köln. Anfangs von vielen skeptisch beäugt, entpuppte sich das als Glücksfall – für den Stadtteil und das Schauspiel. „Unser Theater ist in den letzten Jahren in die lokale Gesellschaft hineingewachsen und andersherum“, beschreibt Chefdramaturg Thomas Laue die Entwicklung. Tatsächlich hatte man sich intensiv mit dem Stadtteil auseinandergesetzt und Kontakt zu den Menschen aufgenommen. „Auch da stößt man natürlich auf Grenzen und Misstrauen. Ich bin von den Vertretern der türkisch geprägten Interessengemeinschaft Keupstraße mehrmals versetzt worden. Erst, als man merkte, dass ich hartnäckig blieb und es ernst meinte, kam das Treffen tatsächlich zustande“, erinnert sich Laue. Seither aber entwickelten sich künstlerische und soziale Projekte mit Anwohnern, die die klassische Theaterarbeit weit überschritten.

Höhepunkte waren das dreitägige deutsch-türkische Kulturfestival „Birlikte“ („Zusammenstehen“), zu dem Tausende Menschen 2014 anlässlich des zehnten Jahrestages des Anschlags in den Stadtteil strömten, und die Arbeit an dem Theaterstück „Die Lücke. Ein Stück Keupstraße“ des Regisseurs Nuran David Calis. Hier arbeiten Anwohner auf der Bühne gemeinsam mit Schauspielern des Kölner Ensembles die Ereignisse rund um den NSU-Anschlag auf. „In Mülheim ist so ein neues urbanes kulturelles und internationales Zentrum entstanden“, schwärmt Laue: „Nirgendwo sonst verbindet sich die sogenannte Hochkultur eines Stadttheaters mit dem praktischen Zusammenleben der Kulturen.“ Daher konkretisieren sich beim Schauspiel Köln die Pläne, auch nach der Rückkehr in die Kölner Innenstadt weiterhin in Mülheim präsent zu bleiben.

Vielleicht ist es dieses Sich-Einbringen allen realen und eingebildeten Grenzen zum Trotz, das den Erfolg solcher Projekte und Initiativen ausmacht. Unsere Kultur des Kennenlernens, Testens und Verschiebens von Grenzen ist in jedem Fall stark entwicklungsfähig: Möglicherweise erziehen wir uns gegenseitig zu häufig dazu, Grenzen nicht nur zu akzeptieren, sondern uns möglichst von ihnen fernzuhalten. Kulturelle Bildungsprojekte an den Schnittstellen der Gesellschaft können einen wichtigen Beitrag zur politischen wie auch kulturellen Frischluftzirkulation leisten. Sie bieten uns die Möglichkeit, sich immer wieder mal auf ein „Rendezvous im Randbezirk“ einzulassen. Denn eigentlich sollte es zu unserem Selbstverständnis als aufgeklärte Bürger gehören, alles zu erfahren und alles infrage zu stellen – gerade auch Grenzen.

 

Autor Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“