„Religionen können friedensstiftend wirken“

Bis zum 20. Dezember läuft noch die Bewerbung für den neuen Jahrgang des Mercator Kollegs. Marina Dölker hat im vergangenen Jahr mitgemacht. Die 28-Jährige befasste sich mit dem Handeln von religiösen Akteuren in Krisensituationen. Viele internationale Organisationen setzen sich weltweit für Frieden und Entwicklungszusammenarbeit ein. Dabei seien oft die religiösen Überzeugungen der Menschen vor Ort nicht im Blick, sagt Dölker im Interview. „Religion ist ein wichtiger Faktor für Frieden und Entwicklung. Sie ist wichtig, weil sie die Herzen der Menschen erreicht.“

Frau Dölker, in den vergangenen Jahren wurden Religionen im Kontext internationaler Politik häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit extremistischem Terror.

Marina Dölker: Ja, diesen Eindruck kann man durch die Berichterstattung bekommen. Ich persönlich habe Religion hingegen als etwas sehr Positives erlebt, ich engagiere mich seit langem in der evangelischen Kirche. Genau wegen dieses Widerspruchs interessiert mich das Thema, mit dem ich mich in der Zeit beim Mercator Kolleg beschäftigt habe. Es stimmt schon: Religionen können zu Intoleranz, Extremismus und Gewalt führen. Aber sie können auch Gegenteiliges bewirken, was oft weniger öffentliche Beachtung erlangt.

Welche Rolle spielt Religion denn bislang in der Entwicklungshilfe?

Dölker: Religion war bisher als ein Kontextfaktor weitgehend außen vor. Hintergrund ist, dass viele Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit, auch bei den Vereinten Nationen, westlich sozialisiert worden sind. Für sie ist das westliche Verständnis, dass Religion eine Privatsache ist, selbstverständlich. Aber in vielen Ländern der Welt ist das nicht so. Hinzu kommt: Laut Studien fühlen sich acht von zehn Menschen weltweit einer Religionsgemeinschaft zugehörig – dieser Aspekt ist also sehr vielen Menschen wichtig. Religion ist ein wichtiger Faktor für Frieden und Entwicklung.

Was ist das Besondere an dem Faktor Religion im Friedenskontext?

Dölker: Religionen sind deswegen so besonders, weil man ihre Inhalte nicht so richtig fassen kann. Sie dringen bis ins Tiefste eines Menschen vor. Religionen sind wichtig, weil sie die Herzen der Menschen erreichen. Ihre Inhalte sind der moralische Kompass für viele. Wenn Menschen im tiefsten Innern glauben, dass etwas nicht richtig ist, werden sie es langfristig nicht tun. Das bedeutet: Entwicklungsprojekte, die nicht an den tiefen Überzeugungen der Menschen vor Ort anknüpfen, können nicht nachhaltig sein. Wenn eine Organisation zum Beispiel zur Aids-Prävention Verhütungsmittel verteilt, aber der christliche Priester sagt, diese seien des Teufels, dann werden viele Menschen sie nicht benutzen.

Wie könnte man damit umgehen?

Dölker: Ein Weg wäre, vorher Workshops mit den religiösen Autoritäten durchzuführen. Dort kann man umfassend über die verheerenden Folgen einer HIV-Infektion und die Wichtigkeit von Aids-Prävention aufklären. Zudem können die geplanten Maßnahmen auch theologisch thematisiert werden, beispielsweise auf der Basis von Bibelstellen, die das körperliche Wohl des Menschen betonen. Ein solches Vorgehen hat beispielsweise in Lesotho dazu geführt, dass sich christliche Priester für HIV- und Aids-Aufklärung starkmachten – und damit Maßnahmen der Aids-Prävention bei der lokalen Bevölkerung legitimierten. Dieser Zusammenhang gilt auch für Friedensprojekte. In allen Glaubenstraditionen gibt es Elemente der Vergebung, Versöhnung und Nächstenliebe. Die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ist mehr als nur Extremismusprävention - Religionen können friedensstiftend wirken. Ich beobachte aktuell ein Umdenken bei vielen Akteuren. Bei meiner Station als Mercator Kollegiatin beim United Nations Population Fund in New York habe ich erlebt, dass das Thema ein Trend bei den Vereinten Nationen ist. Es findet nun zunehmend Beachtung.

Stehen dabei manche Religionen mehr als andere im Blickpunkt?

Dölker: Nein, und das sollte auch nicht so sein. Bislang arbeiten die Vereinten Nationen überwiegend mit christlichen Organisationen zusammen. Der Grund ist, dass diese meist eine typisch westliche Organisationsstruktur haben. Aber man versucht, mit möglichst unterschiedlichen religiösen Organisationen und Autoritäten zusammenzuarbeiten.

Sie haben im Rahmen des Mercator Kollegs eine Station im Büro des Lutherischen Weltbundes in Amman in Jordanien absolviert. Wie haben Sie Religion dort erlebt?

Dölker: In Jordanien spielt Religion immer und überall eine wichtige Rolle. Die meisten Menschen leben ihren Glauben sehr sichtbar in der Öffentlichkeit. Ich habe nur einen einzigen Jordanier getroffen, der sagte, er würde nicht glauben. Und auch er ging regelmäßig mit seiner Familie in die Moschee, weil die Religion kulturell so wichtig ist. Auch Staat und Religion sind eng verknüpft. Beeindruckend war, dass die muslimische Mehrheit und die kleine christliche Minderheit im Alltag ganz selbstverständlich in religiöser Koexistenz leben. Im Länderbüro des Lutherischen Weltbundes arbeiten Christen und Muslime. In manchen Bereichen gibt es Vorurteile, aber die Gläubigen beider Religionen arbeiten Hand in Hand. Interreligiöser Dialog ist alltäglich.

Wie geht es nun beruflich für Sie weiter?

Dölker: Ich habe in der Zeit als Mercator Kollegiatin oft gehört: Es ist extrem wichtig, in der Entwicklungszusammenarbeit mit lokalen Glaubensgemeinschaften zusammenzuarbeiten. Bisher wird das aber selten gemacht. Ich bekomme nun die Chance, mit einer Stelle beim Lutherischen Weltbund in Genf genau das zu tun. Kirchen fehlt oft das entwicklungspolitische Know-How, Entwicklungsorganisationen das kirchliche Wissen. Ich werde nun daran arbeiten können, die Kirchen vor Ort enger in die Entwicklungszusammenarbeit einzubringen.