Lernen von Lehrkräften in Krisengebieten

In den vergangenen Jahren sind mit den Flüchtlingen auch viele Kinder aus Krisenländern nach Deutschland gekommen. Lisa Küchenhoff, Alumna des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben, arbeitet beim International Rescue Committee (IRC) an Programmen, mit denen Flüchtlingskinder in Schulen Unterstützung bekommen. „Lehrkräfte in Deutschland können viel von Kollegen in Krisengebieten lernen“, sagt sie anlässlich des Internationalen Tags der humanitären Hilfe.

16. August 2018

Sie war schon etwas nervös, als sie das Video zum ersten Mal in Deutschland zeigte. In dem Film geht es um Lehrkräfte in Afrika. Lisa Küchenhoff reiste damit in eine Schule nach Brandenburg. „Ich war mir nicht sicher, wie die Lehrkräfte das Video aufnehmen werden“, sagt Küchenhoff. „Der Gedanke, dass wir in Deutschland von Lehrkräften in Krisengebieten lernen können, ist ja doch sehr ungewohnt.“

Die Lehrerin trägt ein buntes Kleid und ein blau-gelbes Kopftuch. Sie begrüßt die Schüler an der Tür einzeln mit Handschlag. Das Video zeigt Lehrkräfte in Tansania, die Schülern mit traumatischen Erfahrungen im Schulalltag Sicherheit vermitteln wollen. Weil immer mehr Flüchtlingskinder in deutsche Schulen kommen, ist das inzwischen auch hierzulande ein wichtiges Thema. „Ich konnte sehen, dass der Film bei den Lehrkräften einen Aha-Effekt ausgelöst hat“, erinnert sich Küchenhoff an ihre Brandenburg-Reise. „Sie haben die Ideen sehr positiv aufgenommen.“

Die 30-Jährige ist Programmleiterin Bildung beim International Rescue Committee (IRC). Die NGO hat sich als Ziel gesetzt, von Krieg und Krisen betroffenen Menschen zur Seite zu stehen, um ihr Überleben und den Wiederaufbau ihrer Existenz zu sichern. 2017 stieß Küchenhoff dazu, das IRC baute da gerade ein Büro in Deutschland auf. „Eigentlich leisten wir Nothilfe in Krisengebieten“, sagt sie. „Die Idee ist, nun in Deutschland das anzuwenden, was wir dabei gelernt haben.“

Zielgruppe der Bildungsprogramme des IRC sind Flüchtlinge in allen Schultypen, von der Grund- bis zur Berufsschule. Bislang liege im Unterricht der Flüchtlinge der Fokus vor allem auf dem Deutschunterricht, sagt Küchenhoff. „Aber die Sprachkompetenz ist nicht alles. Wir wissen aus der internationalen Arbeit, dass auch sozial-emotionales Lernen wichtig ist.“ Geflüchtete Schüler waren enormem Stress ausgesetzt – oft über Jahre hinweg. „Wichtig ist für sie, dass sie Stabilität erleben“, erläutert Küchenhoff. In der Schule geht dies zum Beispiel, indem Lehrer Routinen etablieren. Deshalb begrüßt die Lehrerin in dem Video aus Tansania ihre Schüler einzeln – Tag für Tag. Außerdem singt die Klasse stets gemeinsam ein Lied.

„Lehrkräfte in Deutschland können viel von ihren Kollegen in Krisenländern lernen, die schon lange mit geflüchteten Kindern arbeiten“, so beschreibt Küchenhoff die Intention des Programms mit dem Namen „Healing Classrooms“. Der Schlüssel für die Schüler sei Verlässlichkeit: „Lehrkräfte vermitteln ihnen, dass sie sich auf die Abläufe in der Schule verlassen können. Ihnen droht nicht permanent etwas Unvorhersehbares.“ Eine solche Erfahrung wirke sich auch positiv auf die Vermittlung des Lernstoffs aus: „Wenn man sich in der Schule für das emotionale Lernen Zeit nimmt, dann werden auch die akademischen Leistungen besser.“ 

Mit Bildung beschäftigt sich Lisa Küchenhoff schon lange. Sie fand zu dem Thema als Jugendliche durch ihr ehrenamtliches Engagement bei Youth For Understanding, einer Organisation, die internationalen Jugendaustausch fördert. „Mich interessiert, wie die Gesellschaft mit der Vielfalt der Menschen umgeht“, sagt Küchenhoff. In Konstanz, Boston und Berlin studierte sie Nordamerikastudien mit Schwerpunkt Politik- und Kulturwissenschaft, sammelte erste Arbeitserfahrungen im Bildungsbereich.

In ihrer Zeit beim Mercator Kolleg für internationale Aufgaben beschäftigte sie sich mit einem ganz ähnlichen Thema: Bildung für minderjährige Flüchtlinge als Menschenrecht, Chance und Verantwortung für Bildungssysteme in europäischen Aufnahmeländern, so nannte sie ihr Arbeitsprogramm. „Mich hat damals besonders der internationale Blick auf Bildung interessiert“, blickt Küchenhoff zurück. „Diese internationale Perspektive fehlt in der deutschen Bildungspolitik oft. Mein Blick hat sich dadurch geweitet.“

Aktuell treibt die Bildungsexpertin um, dass sich das veränderte gesellschaftliche Klima auch im Schulalltag niederschlägt. Längst sei eine Abschiebung von Mitschülern mancherorts ein Dauerthema. „Die Angst vieler Geflüchteter davor ist riesengroß, selbst wenn das gar nicht immer unmittelbar real ist.“ Die Ablehnung von Flüchtlingen sei in Deutschland deutlich gestiegen. „In der Schule kommt das an, weil manche Kinder das wiedergegeben, was sie in den Medien oder zu Hause von ihren Eltern hören“, sagt Küchenhoff. Man merkt ihr an, dass diese Entwicklung sie beunruhigt. „Es macht mir Sorgen. Ich denke an die Kinder, die davon betroffen sind“, sagt sie nachdenklich. „Aber gleichzeitig sehe ich die Lehrkräfte, die in einem immer schwierigeren gesellschaftlichen Klima arbeiten. Ich bewundere, wie sehr sich viele trotzdem engagieren.“