Ist Integration (nur) Identifikation?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen für Integration und Migration

26. Juli 2018

Über den Rücktritt von Özil aus der Nationalmannschaft entzünden sich plötzlich grundlegende Integrationsdebatten: Kann jemand noch als integriert gelten, der positive Bezüge zum Herkunftsland seiner Eltern hat? Diese Frage so zu stellen ist extrem verkürzend und offenbart ein krudes, längst in der Wissenschaft überholtes Integrationsverständnis.

Ist Integration (nur) Identifikation?
SVR

Zum einen unterstellt sie, dass Integration allein eine Bringschuld der Zugewanderten sei und auf der individuellen Ebene verhandelt werde. Sie ist aber ein gesellschaftliches Phänomen und bezieht stets die Haltungen und Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft mit ein und fragt nach der Offenheit dieser. Denn Zugewanderte handeln ja nicht in einem luftleeren Raum.

Wer im Alltag die Erfahrung macht, nicht dazuzugehören, kann nur bedingt von sich sagen, "Ich bin ein Teil dieses Landes".

Zum anderen verkürzt sie Integration auf Identifikation: Integration geht aber nicht in der Identifikation mit der neuen Gesellschaft auf. Das ist nur ein Aspekt, viel wesentlichere Aspekte sind, wie der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) nicht müde wird zu betonen, die gleichberechtigte Teilhabe auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und im Bildungsbereich, aber auch soziale Beziehungen in der Nachbarschaft, Freundschaften und Partnerschaften. Wenn in diesen Bereichen die Integration bzw. Teilhabe gut gelingt, dann kann man sich auch als Teil der Gesellschaft fühlen, sich mit ihr identifizieren. Wer aber im Alltag die Erfahrung macht, nicht dazuzugehören und auf dem Arbeitsmarkt nicht die gleichen Chancen hat, kann nur bedingt von sich sagen, "Ich bin ein Teil dieses Landes". Glücklicherweise bindet die Mehrheit der Gesellschaft, wie das Integrationsbarometer des SVR 2016 festhält, die Zugehörigkeit nicht an deutsche Abstammung oder christlichen Glauben, sondern an Arbeitsmarktteilhabe und Staatsbürgerschaft, also an beeinflussbare und erwerbbare Aspekte.

Wir können die Causa Özil viel entspannter angehen, wenn wir einfach die faktische Pluralität in der Gesellschaft als Normalität betrachten und uns nicht nur damit abfinden, sondern auch wertschätzen, dass Menschen auch positive Beziehungen zu ihrem Herkunftsland haben. Dadurch wird anderen ja nichts weggenommen.

Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan ist Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen für Integration und Migration und Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen