Global Compact Jahresbericht 2016: Teilhabe und Integration

Was kann die schulische Bildung beitragen?

von Ina Bömelburg und Katharina Tesmer

Deutschland ist und bleibt ein Einwanderungsland. In diesem Kontext führen chancengleiche Bildung und Teilhabe nicht nur zu individuellen, sondern auch gesamtgesellschaftlichen Vorteilen. Bildung trägt dazu bei, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich in der Welt zu orientieren, sie zu verstehen, zu reflektieren, in ihr eine Rolle zu finden und sich an ihrer Gestaltung zu beteiligen. Dabei geht es um die Entwicklung von Kompetenzen, um am gesellschaftlichen und politischen Leben unserer Demokratie mitzuwirken. Die Schule ist eine Gesellschaft im Kleinen, wo junge Menschen all dies lernen können.

Bis Ende des Jahres 2016 werden ca. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland als schutz- und asylsuchend registriert sein, gut 200.000 von ihnen im schulpflichtigen Alter zwischen sechs und 16 Jahren, gut 750.000 jünger als 25 Jahre. So verwundertes nicht, dass die bildungspolitischen Debatten derzeit stark geprägt sind von Fragen der Migration und der Integration junger Menschen in das deutsche Bildungssystem.

In ihrer „Erklärung zur Integration von jungen Geflüchtetendurch Bildung“ hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang Oktober 2016 festgehalten: „Wir werden aber auch im kommenden Jahr die bislang eingeleiteten Maßnahmen und Angebote zur schulischen und beruflichen Bildung junger Geflüchteter fortführen, weiterentwickeln und ausbauen müssen. “Dafür haben die Bundesländer im Schuljahr 2015/2016 unter anderem etwa 13.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen.

Aber nicht nur der politische Handlungsdruck ist gewachsen. Die Bildung junger Geflüchteter in den Blick zu nehmen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deutschland hat eine starke Zivilgesellschaft, wie zuletzt der Freiwilligen-Surveyvom Frühjahr 2016 und eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin zeigten: Im Jahr 2014 sollen 43,6 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert gewesen sein und es hat sich gezeigt, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren. Vereine verzeichneten in den Jahren 2013 bis 2015 einen Anstieg um 70 Prozent. Ehrenamtliche vermitteln zwischen Familien und Schulen oder engagieren sich im Sprachunterricht.

Die Stiftung Mercator mit ihren thematischen Schwerpunkten in der internationalen Zusammenarbeit, der Wissenschaftsförderung, dem Klimawandel, der Integration und kulturellen Bildung versteht sich als Teil der Zivilgesellschaft. Wir sind für die Bildung aktiv, weil wir dort einen drängenden gesellschaftlichen Bedarf erkennen und zugleich mit unserem Engagement etwas bewegen können.

Wie aber kommen wir von den Zielen gleicher Bildungs- und Teilhabechancen zu tatsächlichen Veränderungen? Wer sind die entscheidenden Akteure? Wie findet Integration durch Bildung statt? Und was können wir als Stiftung zu einer gelingenden Integration in der Schule beitragen?

Schulen und Lehrkräfte brauchen Unterstützung

Trotz bestehender Schulpflichtregelungen der Bundesländer gilt die Schulpflicht nicht überall von Anfang an, insbesondere für Asyl suchende Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter. In der Praxis ist der Schulzugang daher für viele prekär. Sind die Kinder und Jugendlichen einer Schule zugeordnet, werden sie entweder direkt in Regelklassen aufgenommen oder in den sogenannten Willkommens- oder Seiteneinsteigerklassen unterrichtet. Welches Modell hierbei am günstigsten ist, ist wissenschaftlich noch nicht bewertet worden. Klar ist jedoch, dass es vielfach an qualifiziertem Lehrpersonal fehlt. Und zunehmend wird deutlich, wie zentral eine psychologische Betreuung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen ist.

Umgang mit zunehmender Diversität wird Kernaufgabevon Schule

Die hohe Zahl der neu eingewanderten schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen stellt das Schulsystem aktuell vor große Herausforderungen. Laut Bevölkerungsstatistik wird in nur wenigen Jahren mehr als die Hälfte aller Schüler einen Migrationshintergrund haben. Sie kommen aus unterschiedlichen kulturellen, religiösen und sozialen Kontexten und bringen Herkunftssprachen aus aller Welt mit. Die bereits vorhandene Diversität im Klassenzimmer wird dadurch also weiter verstärkt. Schulen und Lehrkräfte müssen sich der wachsenden sozialen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Heterogenität der Schülerschaft stellen, die Schule und ihren Unterricht grundlegend verändern.

Insbesondere können Einstellungen, Haltungen und Erwartungen von Lehrkräften einen Einfluss auf die Leistungen von Schülern haben. Ein defizitär geprägter Blick auf Menschen kann dazu führen, ihre Potenziale zu verkennen. Die Stärken von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wie beispielsweise ihre Mehrsprachigkeit, eine ausgeprägte Leistungsorientierung und hohe Flexibilität, werden im Bildungssystem immer noch zu wenig erkannt und gefördert.

Neben der einzelnen Lehrkraft spielt die Schule an sich ebenfalls eine entscheidende Rolle beim Abbau von Bildungsungleichheit. Die Schule als Gesamtes muss sich interkulturell öffnen: „Bei der interkulturellen Öffnung des Schulsystems geht es um einen veränderten Blick der Institution Schule sowie der in ihr verantwortlich Handelnden auf die durch Migrationsprozesse veränderte Schulrealität insgesamt sowie um eine Anpassung der Institution in ihren Strukturen, Methoden, Curricula und Umgangsformen an eine in vielen Dimensionen plurale Schülerschaft“, schreibt die Migrations-und Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakaşoğlu. Diesen Handlungsbedarf hat auch die Politik erkannt: Mit dem Beschluss „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“ fordert beispielsweise die Kultusministerkonferenz, allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft umfassende Teilhabe an Bildung und Chancen für den größtmöglichen Bildungserfolg zu eröffnen, indem Diskriminierung abgebaut wird und verschiedene Kulturen selbstverständlicher Teil der Schule werden.

Eine erfolgreiche Integration kann also nur dann gelingen, wenn Schulen gut mit der zunehmenden Diversität umgehen können. Dabei darf es nicht um eine Weiterentwicklung kompensatorischer Förderstrategien gehen, sondern um die Verankerung einer Anerkennung und Achtung von Vielfalt. Aber bekommen Schulen die dafür notwendige Unterstützung? Zu wenig, resümieren das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration nach einer Untersuchung darüber, wie Lehrkräfte in Deutschland in ihrer Ausbildung und in der Fortbildung lernen, mit kulturellen und sprachlichen Unterschieden im Klassenzimmer angemessen umzugehen. Sie haben Prüfungs-, Studienordnungen und Fortbildungskataloge analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass Lehrkräfte in nur sechs deutschen Bundesländern den Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt systematisch lernen. Es gibt noch zu wenige wirksame und wenig praxisnahe Qualifizierungsangebote. Die zentrale Empfehlung lautet, dass die Lehrerbildung an Universitäten, im Referendariat und in der Fort- und Weiterbildung entsprechend angepasst werden muss.

Um Schulen und Lehrkräfte bei dieser Herausforderung zu unterstützen, verstärken wir unser Engagement für einen besseren Umgang mit Diversität in der Schule. Daneben sind wir in langjährig aufgebauten Handlungsfeldern aktiv, mit denen wir zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland beitragen möchten. Hier einige Schlaglichter bezogen auf die Schule.

Durchgängige Sprachbildung fördern

Im Handlungsfeld der sprachlichen Bildung und Sprachförderung, das als wichtiger Faktor für einen guten Umgang mit Diversität zu verstehen ist, haben wir darauf hingearbeitet, die Projekte im Hinblick auf das Ziel der chancengerechten Teilhabe systemisch anzulegen; weg von additiven, zusätzlich geförderten Maßnahmen wie dem Förderunterricht, hin zu einer systemischen Förderung, bei der die Akteure im Schulsystem− in der Regel die Lehrer − qualifiziert und begleitet werden. Die wissenschaftliche Forschung, die praktische Schul und Unterrichtsentwicklung, die Lehrerbildung und politische Kommunikation greifen ineinander, damit Schülerinnen und Schüler verbesserte Lernbedingungen und bestmögliche Unterstützung erfahren.

Bildungsübergänge verbessern

Neben sprachlichen Hürden lässt sich beobachten, dass Schüler mit Migrationshintergrund und / oder aus Nichtakademiker-Familien insbesondere beim Übergang von einer Bildungsinstitution in die nächst höhere Probleme haben. Dies führt dazu, dass viele junge Menschen nicht die Bildung erhalten, die ihren Fähigkeiten entspricht.

Dies gilt besonders für neu eingewanderte junge Menschen, bei denen es aufgrund mangelnder Sprach- und Kulturkenntnisse besonders schwierig ist, ihre Kompetenzen richtig einzuschätzen und entsprechende Übergangsempfehlungen auszusprechen. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit der Ruhr Futur gGmbH, einer Partnergesellschaft der Stiftung Mercator, beispielsweise das Programm „Wegbereiter“ entwickelt, das Kommunen und Schulen im Ruhrgebiet u. a. dabei unterstützt, bessere Diagnoseverfahren zu entwickeln und eine durchlässige schulische Integration der geflüchteten Kinder zu ermöglichen.

Qualität im Ganztag verbessern

Auch setzen wir auf die Verbesserung der Qualität im Ganztag, weil der Ganztag die Schulform der Zukunft in einer vielfältigen Gesellschaft ist. Er bietet optimale Bedingungen, um gerade sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (und damit auch neu eingewanderte junge Menschen) individuell und unabhängig von den Unterstützungsmöglichkeiten des Elternhauses zu fördern. In den Projekten dieses Handlungsfeldswie beispielsweise „LiGa − Lernen im Ganztag“ zeigt sich, dass es in Ganztagsschulen besonders gut gelingt, geflüchtete Kinder und Jugendliche von Anfang an ins Sozialleben und Regelangebot der Schule einzubeziehen.

Kulturelle Bildung als Mittel zur Integration

Aktivitäten im Bereich der kulturellen Bildung sind ein wichtiges Mittel, um die nachhaltige Integration neu eingewanderter Kinder und Jugendlichen in der Schule den Boden zu bereiten. Gerade künstlerische Aktivitäten wie gemeinsames Singen oder Tanzen sind besonders geeignet, Kinder und Jugendliche unmittelbar in Interaktionen und Kommunikationen ohne Sprachbarrieren zu bringen. Einige unserer Projekte im Bereich „Kulturelle Bildung“ setzen daher genau hier an.

Gesellschaftliche Diskurse versachlichen

Die Schule steht nicht allein, sondern ist Teil gesellschaftlicher Diskurse und Entwicklungen. Was eine Schule ausmacht, ist eben nicht nur die Struktur, ihre Organisation und das fachliche Know-how der Pädagogen, sondern auch die Einstellungen und Haltungen zu Integration und Diversität. Ein chancengleicher Zugang zu Bildung für alle Kinder und Jugendlichen ist nur dann möglich, wenn auch die Gesellschaft Einwanderung und Vielfalt positiv gegenübersteht. Zwar überwiegen nachwie vor positive Einstellungen in der deutschen Bevölkerung, der aktuelle Trend hin zu einer Ablehnung der Vielfalts- und Willkommenskultur allerdings markiert einen verstärkten Handlungsbedarf von Zivilgesellschaft und Staat. Durch die Förderung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration oder Studien wie „ZuGleich − Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ möchte die Stiftung Mercator beispielsweise zur Versachlichung der öffentlichen Debatte beitragen und eine unabhängige, faktenbasierte Politikberatung ermöglichen.

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