Gib mir ein Theater

HALTEPUNKT BÜHNE: SIEBEN GEFLÜCHTETE SCHAUSPIELER HABEN ALS EXIL-ENSEMBLE AM BERLINER MAXIM GORKI THEATER EINE NEUE HEIMAT GEFUNDEN. UND ZIEHEN GLEICH WIEDER LOS: DURCH EIN WUNDERSAMES LAND

Schnee, Kälte, grauer Himmel – Deutschland im Winter. Sieben Schauspieler gehen auf eine Reise: Zwei Wochen lang wollen sie das Land erkunden, Menschen treffen, Erfahrungen sammeln, sich inspirieren lassen. Sie sind neugierig, möchten herausfinden, ob das echte Deutschland ihre widersprüchlichen Erwartungen bestätigt. Später, auf der Bühne wollen sie den Fokus verschieben. „Wir werden den Blick zurückwerfen. Dem Publikum zeigen, dass es nicht nur um ihre Perspektive auf uns geht“, sagt Ayham Majid Agha. Er ist der Spielleiter des im Dezember 2016 am Maxim Gorki Theater gegründeten Exil-Ensembles – sieben Profis aus Afghanistan, Palästina und Syrien; Künstler, für die es in ihrer Heimat unmöglich geworden ist, ihren Beruf auszuüben.
„Die Idee der Reise war, die Perspektive der ganzen Gruppe auf das zu bekommen, was wir sehen, erfahren, wonach wir suchen – vielleicht sogar ein Utopia zu finden“, sagt Dramaturgin Irina Szodruch in der lichtdurchfluteten Ensemble-Lounge des Gorki mit Blick auf den Garten. Aus ihren Erlebnissen in Dresden, Weimar und Buchenwald, München, Mannheim und einem Abstecher nach Zürich und Hamburg haben sie „Winterreise“ erschaffen, ein Stück über Verwunderung, über kulturelle Unterschiede und die Ränder, an denen sie langsam verwischen. Über den entlarvenden Blick des scheinbar naiven Fremden auf die Eigenheiten einer Kulturnation, die mit sich selbst nicht im Reinen ist. „Winterreise“ ist ein Stück über Deutschland und bleibt doch eines über Flucht und Fremdsein. „Und über Schnee“, sagt Ayham und lacht. „Wir haben sehr viel Schnee gesehen.“
Für Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen ist jedes neue Stück eine Reise, auf die sich die Schauspieler bei der gemeinsamen Arbeit begeben. „Wir alle bringen unsere Geschichten und unsere inneren Welten mit auf die Bühne“, sagt sie. Ob Reisen oder Theater spielen – es geht um die Suche nach Erkenntnis. Auch für die Zuschauer. Doch egal, mit welchen Erwartungen sie zur Vorstellung kommen, „Winterreise“ macht es ihnen unmöglich, die Geschichten der Geflüchteten zu konsumieren, ohne dabei auch über sich selbst nachzudenken. Und zu lachen.

 

 

Wir alle bringen unsere inneren Welten mit auf die Bühne

Denn Yael Ronens Theater ist immer auch komisch. Sie spielt mit dem Absurden im Alltäglichen und in der Sprache, das der unschuldige Blick von außen so herrlich freilegen kann. Es tritt immer dann zutage, wenn Niels Bormann, der einzige Schauspieler mit deutschen Wurzeln, versucht, das vermeintlich Offensichtliche zu erklären, und sich dabei in der Logik seiner eigenen Perspektive verheddert. Was bei den Kollegen auf der Bühne ratlose Blicke auslöst, findet im voll besetzten Zuschauerraum begeisterte Lacher. Dann ist der Humor plötzlich wieder weg, die Zuschauer halten inne, lauschen Maryam Abu Khaled, die von der selbst gewählten Einsamkeit vieler Deutscher spricht, die sie einfach nicht versteht. Denn wer flieht, hat vieles hinter sich gelassen, um hier zu leben. Die Einsamkeit eines Exilanten ist nicht freiwillig. Das ist gar nicht mehr komisch. Auch nicht, wenn Mazen Aljubbeh darüber nachdenkt, warum er ausgerechnet einen Ort wie Buchenwald besuchen soll, und sich fragt, warum es dort ein Café gibt.
Sprung auf eine andere Ebene: Wie viel Realität steckt in diesen Geschichten? Was ist Fiktion? In „Winterreise“ sind die Grenzen absichtlich verwischt. Die Schauspieler spielen zwar sich selbst, aber die Bühnenversionen ihrer Geschichten sind nicht identisch mit dem, was sie erlebt haben. Sie sind Künstler, die eine Figur mit ihrem Namen und ihren Erlebnissen spielen – vor einer bühnenbreiten Videoinstallation mit Schneelandschaften und Illustrationen als Kulisse. Diese Distanz ist für sie überlebensnotwendig. „Wenn ich Vorstellung für Vorstellung meine echten Gefühle zulassen würde über das, was ich alles verloren habe, was nicht mehr da ist in meinem Leben, dann würde ich den Verstand verlieren“, sagt Ayham. Überhaupt, Realität oder Fiktion, darum gehe es doch gar nicht, glaubt der 37-Jährige. „Die Zuschauer wissen, dass sie Fiktion sehen, sie sind schließlich im Theater!“ Er schaut aus dem Fenster und erinnert sich daran, dass es nur zwei seiner Stücke in Damaskus überhaupt auf die Bühne geschafft haben – und auch nur für eine Vorstellung. Danach wurde es für ihn zu gefährlich. „Es gibt viele Menschen mit schlimmen Erfahrungen“, sagt er. Einige seien ihnen auf der Reise im Januar begegnet. „Die Frage ist doch, was wir Positives aus den Geschichten herausziehen können. Wie wir aus ihnen Kunst machen.“
Und Poesie. Eine Schlüsselszene in „Winterreise“ spielt in Mannheim, in der menschenleeren ehemaligen Siedlung der US-Armee. Dort stößt Ayham auf Tauben, die ihn an seinen von den Bomben verwirrten Nachbarn erinnern, einen Taubenbesitzer. „Er hat die Realität und die Revolution vergessen. Er denkt nur noch an seine Tauben und klagt al-Assad direkt an, in Wahrheit nur sie töten zu wollen.“ Die Tauben sind in der arabischen Welt Symbol für Schönheit und Freiheit. In Deutschland dagegen, so der Syrer, seien sie lethargisch, ziellos und hätten nichts gemein mit ihren Artgenossen, die in Schwärmen durch arabische Städte fliegen. Was ist mit ihnen geschehen? „Sie sind in Sicherheit. Sie haben ihre natürliche Furcht verloren“, so seine Diagnose. Und der Zuschauer fragt sich, ob Sicherheit und Wohlstand nur Tiere lethargisch und blind machen. Genau diese Frage motiviert Hussein Al Shatheli dazu, auf der Bühne die Geschichte seiner dreimonatigen Flucht aus Damaskus quer durch Europa zu erzählen. Weniger geht es ihm um sich selbst, als vielmehr um eine universell menschliche Erfahrung. „Dieses Schicksal könnte jeden treffen, egal in welchem Land, auch hier“, sagt er. Sollten wir es nicht schaffen, unsere Werte zu schützen. Für ihn ist das Theater ein Ort, das Wissen vermittelt.
Gegen Ende von „Winterreise“ spricht Mazen Aljubbeh vom Theater als Ort, der immer ähnliche Menschen anzieht, egal wo es sich befindet: „Es sind diese Menschen, die Gemeinschaft stiften, jedes Theater zu einer Art Zuhause machen“, sagt er und klingt dabei regelrecht erleichtert. Inspiriert hat ihn der Besuch des Züricher Schauspielhauses, der wichtigsten Exilbühne während des Dritten Reichs.
Für die Geflüchteten ist das Theater eine Konstante, ein Ort, der Halt gibt und eine Form der Normalität ermöglicht. „Das Gorki ist mein Zuhause, weil es ein Theater ist“, sagt Ayham. „Hier kann ich arbeiten, Geld verdienen, um zu leben. Es gibt mir eine Identität, ermöglicht mir zu reisen.“ Für die nächsten zwei Jahre ist den Exilanten ihr Platz im Ensemble des Gorki sicher. Und dann? Ayham und Hussein müssen nicht nachdenken: Zurück nach Damaskus, ans Theater. „Wenn unser Land ruft, werden wir uns nicht taub stellen“, sagt Hussein. „Wir werden helfen, es wieder aufzubauen.“
Erst mal gehen sie erneut auf Reisen. Ab Sommer besuchen sie mit „Winterreise“ die Städte, an denen das Stück entstanden ist. Im Gepäck haben sie ein eigenes theaterpädagogisches Programm. „Mit unseren Workshops möchten wir Jugendlichen ab der zehnten Klasse den Zugang zum Stück erleichtern“, sagt Mai-An Nguyen von Gorki X, der Plattform für die kulturelle Vermittlungsarbeit des Theaters. Am Anfang steht ein Schreibauftrag zu einem kurzen Monolog über Flucht und Exil, inspiriert von einem Satz aus „Winterreise“. Beispielsweise aus Kenda Hmeidans Erinnerungen an ihre Tagebücher: „Ich habe drei Boxen voll bei meinem Vater und keine davon mitgenommen.“ Ein Satz, der die Fantasie der Jugendlichen auf viele Arten anregen kann.
Während der Workshops kommen die Schüler über ihren Monolog ins Spielen. Sie reflektieren ihre Stadt und stellen sich beim imaginären Kofferpacken vor, selbst auf der Flucht zu sein. „Im Dialog möchten wir ihre Bereitschaft fördern, sich mit dem Thema zu beschäftigen und zu verstehen, dass jeder Geflüchtete ein Mensch mit einer eigenen Geschichte ist“, sagt Mai-An Nguyen. Besonders Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung könnten „Winterreise“ und das Exil-Ensemble viel geben, sagt die Theaterpädagogin. Weil sie im Theater lernen können, dass ihre Geschichten wichtig sind und gehört werden. Egal in welcher Sprache sie sie erzählen.

 

AUTORIN Sonja Bördner ist Redakteurin des Magazins 51°