Gerechte Bildungschancen für Zugewanderte

Kinder und Jugendliche aus neu zugewanderten Familien werden in der Gelsenkirchener Ganz In-Schule, dem Ricarda-Huch-Gymnasium, intensiv gefördert. Ihre ersten deutschen Worte lernen sie in dreimonatigen „Crash-Kursen“ und beim Theaterspielen.

Gerechte Bildungschancen für Zugewanderte
Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS)

„Ich bringe das neue Kleid“, sagt Kewin, der den Schneider spielt. Er steht mit einem Stückchen Stoff vor dem Herrscherpaar Metullahe und Ramadan – im wahren Leben Zwillinge aus Albanien – und präsentiert es, als bestehe es aus Samt und Seide. Der König Ramadan guckt begehrlich, so etwas Schönes hätte er auch gerne. Königin Metullahe erwidert nach einem verstohlenen Blick auf ihren Spickzettel: „Ja, das ist hübsch. Und es ist für mich.“ Da mischt sich Theaterpädagoge Thorsten Simon kurz ein: „Du musst das MICH deutlicher betonen, damit klar wird, dass du es nicht an den König abgeben wirst!“ Die Elfjährige nickt so heftig, dass ihr die wackelig sitzende Pappkrone endgültig vom Kopf rutscht. Alle lachen.

Es ist kurz vor elf Uhr am Freitagmorgen und im Ricarda-Huch-Gymnasium in Gelsenkirchen proben Kewin, Metullahe, Ramadan, Kian, Boris und die anderen Mitglieder der interkulturellen Theatergruppe ein Stück ein. Die Kinder kommen aus Kroatien, Serbien, Rumänien, Albanien, China und dem Iran. Sie alle haben ihre Heimat verlassen und gehen nun in einem Land zur Schule, dessen Sprache sie gar nicht können. So wie an viele Schulen sind in den beiden vergangenen Jahren auch an das Gelsenkirchener Gymnasium zahlreiche Kinder gekommen, die keine Deutschkenntnisse haben: Derzeit gehören zu den 724 Schülerinnen und Schülern, die von 70 Lehrkräften unterrichtet werden, auch 54 zugewanderte Kinder. Um sie in den Schulalltag zu integrieren und ihnen bestmögliche Bildungschancen zu ermöglichen, hat die Schule verschiedene Konzepte entwickelt. Dazu zählt auch das Theaterspielen, das ihnen helfen soll, Deutsch zu lernen.

In dem Theaterstück, das die Kinder gerade proben, geht es um ein Gespenst in einem Königsschloss. „Eigentlich stammt die Geschichte aus einem Buch, mit dem man Deutsch als Zweitsprache lernt. Wir haben es die Kinder erst als Fließtext lesen lassen und dann Dialoge überlegt. So wurde nach und nach ein Theaterstück daraus“, erzählt Klassenlehrerin Eda Kesici, die auch Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Ein Stück, das passend zur Dynamik, die an dem Ganztagsgymnasium herrscht, ständig weiterentwickelt wird. Denn jedes Mal, wenn ein neues Kind zur Theatergruppe stößt, muss eine weitere Rolle geschaffen werden. So kam Kewin als Schneider der Königin ins Spiel, und Kian als Koch, bei dem die Königsfamilie interessant kombinierte Mahlzeiten bestellt (Hähnchen mit Vanilleeis), die er kopfschüttelnd kommentiert.

Sprache lernen durch Theaterspielen

Deutlich sprechen, richtig betonen und dazu die passenden Bewegungen machen – das ist eine große Herausforderung – vor allem für Kinder, die zunächst die deutsche Sprache lernen müssen. Aber Eda Kesici sieht den Erfolg bei dem zwölfjährigen Boris aus Serbien, der die Rolle des Prinzen Andi übernommen hat: „Er war vorher so schüchtern, hat kaum ein Wort herausgebracht. Durch das Theaterspielen hat er seine Hemmungen abgelegt, ist selbstbewusst und hilfsbereit geworden.“ Auch bei den anderen Schülern merkt die Lehrerin Fortschritte, das immer flüssiger werdende Sprechen auf der Bühne überträgt sich auf den Alltag. Kein Wunder, dass diese Form des Deutschlernens ihren festen Platz im Integrationsbestreben des Gymnasiums hat.

„Menschen aus anderen Ländern gerechte Bildungschancen zu eröffnen, das hat bei uns Tradition“, sagt Schulleiter Rolf Möller. Er kam in den 1980er Jahren an die Schule und unterrichtete Kinder mit türkischen Wurzeln, den Nachwuchs der sogenannten „Gastarbeiter“. Weil das Gymnasium eine UNESCO-Schule ist, an der mit allen Schülern auf gymnasialem Niveau gearbeitet wird, besuchen es aber ohnehin schon seit einigen Jahren zahlreiche Kinder aus anderen Ländern. Aus den vielen Schülern, die Möller unterrichtete, wurden Akademiker, die bereits ihre Söhne und Töchter auf das Gymnasium schicken. Darüber hinaus wurde die Schule bei allen Flüchtlingswellen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte (zum Beispiel während des Balkankriegs in den 1990er Jahren) zur Anlaufstelle von Einwanderern.

Förderung durch Experten

Gute Bildung bei Kindern zu erreichen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben – das ist in einer Stadt wie Gelsenkirchen nicht leicht. „Wir haben viele Schüler aus bildungsfernen Schichten und schwierigen sozialen Verhältnissen“, sagt Rolf Möller. Er erklärt, wie seine Schule den jungen Zuwanderern dabei hilft, ihren Platz in der deutschen Gesellschafft zu finden: „Das kommunale Integrationszentrum vermittelt uns die Kinder. Wenn es die Zeit erlaubt, wird vorher anhand der Zeugnisse festgestellt, ob sie aufs Gymnasium gehören. Wenn es schnell gehen muss, merken wir erst im Unterricht, ob der jeweilige Schüler mit seinen Leistungen zu uns passt.“ Am Ricarda-Huch-Gymnasium besuchen die Neuankömmlinge drei Monate lang eine Art „Crash-Kurs“, in denen sie täglich in geballter Form von drei Lehrkräften sprachlich gefördert werden, die auf Deutsch als Fremdsprache spezialisiert sind – etwa durch das Theaterspiel.

Zugleich bekommen sie Tipps zum Schulalltag, ihnen wird erklärt, wie sie mit Problemsituationen in der Klasse umgehen, welchen Strategien ihnen beim Lernen helfen und teilweise werden sie in Fächern wie Mathematik oder Musik unterrichtet. „Während dieser Zeit haben sie keinen Kontakt zum Klassenverband. Doch ihr Platz ist dort reserviert“, erläutert der Schulleiter. Sind die drei Monate abgelaufen, sollen die Kinder in die Klasse integriert werden – jedoch weiterhin täglich drei Stunden Deutschunterricht extra erhalten. Daneben bekommt jeder Zuwanderer immer auch einen anderen Schüler als Pate zur Seite gestellt. Der hilft ihm, sich an der Schule einzuleben. Wenn sich herausstellt, dass eine andere Schulform besser für die zugewanderten Kinder geeignet ist, können sie direkt wechseln. Zwei Jahre lang werden ihre Leistungen nicht mit Noten bewertet, die Förderung steht im Vordergrund.

Ganztag hilft bei Integration

„Unsere Methode ist ein Kompromiss zwischen der Möglichkeit, zugewanderte Kinder in einer Art Willkommensklasse aufzunehmen oder sie gleich komplett integrieren zu wollen“, sagt Möller. Seit Weihnachten 2015 machen er und seine Kollegen gute Erfahrungen mit dieser Lösung für die neu zugewanderten Kinder. Der Direktor ist einmal mehr froh, dass vor einigen Jahren im Zuge des Projektes Ganz In der Ganztagsunterricht eingeführt wurde: „Je mehr Zeit die Jugendlichen an der Schule verbringen, desto größer ist ihre Chance, voranzukommen.“ Aber im Ganztag bekommen die neu zugewanderten Kinder auch noch Gelegenheit, im schulischen Bläsercorps mitzuspielen, wenn sie musikalisch sind. Und sie können in der Mittagspause mit ihren Mitschülern im Klettergerüst herumturnen, das gerade mithilfe von Ganz In-Mitteln angeschaffen wurde – eine weitere Facette der Integration.

 

Diese Schulreportage erschien in der Ausgabe 2016 des Newsletters "Ganz In_kompakt".

Autorin: Natascha Plankermann

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