Gegensätze

Als Arbeiterkind nach Oxford und in die Welt der Diplomatie – der Lebensweg von Kristina Lunz ist in Deutschland ungewöhnlich. Und anstrengend. Dagegen müssen wir vorgehen, sagt sie.

Gegensätze

29. August 2018

Ich wünschte, meine Geschichte wäre keine besondere. Doch bereits die Sommer meiner Kindheit klingen für die meisten meiner Kolleg* innen und Gesprächspartner*innen fremd. Statt in Sommerkursen Sprachen zu lernen, bauten wir Kinder des 80-Seelen-Dorfs in der Fränkischen Schweiz Hütten am Bach und Baumhäuser im Wald. Im September ging’s raus aufs Feld, Kartoffeln lesen. Sonntags gab’s Klöße.

Ab 16 wurde Siemens mein Sommer: Nieten, Hämmern, Bohren. Der Wecker klingelte um 5.30 Uhr. Ich war ehrgeizig in der Schule. Für das Geld hätte ich mir die Bücher kaufen können, die bei uns zu Hause nicht im Regal standen: Standardwerke in Kultur, Geschichte und Politik. Doch damals wusste ich noch nicht, dass sie mir fehlten. Die Zeit, sie zu lesen, hätte ich eh nicht gehabt. Geld war aber nicht der einzige Gewinn. Disziplin und die Erkenntnis, dass ich stets und viel arbeiten muss, um meine Ziele zu erreichen, gab es gratis dazu. Beim Abitur war ich unter den besten drei Prozent. Trotzdem musste mich eine Freundin überreden, an die Uni zu gehen. In meinem Familien- und Bekanntenkreis war niemand dort gewesen, der davon hätte erzählen können.

Mein Vater war gelernter Elektriker, meine Mutter ist Erzieherin und Hausfrau. Beide sind Kinder einfacher Bauern. Mein Vater war der Erste seines Dorfes, der es auf die Realschule schaffte. Lange Zeit wollte auch ich dorthin, so wie er und meine große Schwester, mein großes Vorbild. Mein Zwillingsbruder ging auf die Hauptschule, wie seine Freunde. Sie wollten Handwerker werden.

Ich entschied mich für ein Psychologiestudium. Einfach, weil das nur „die Besten“ studieren. Doch das akademische Leben hätte mir nicht fremder sein können. Plötzlich war ich fast ausschließlich von Studierenden aus dem gehobenen Bildungsbürgertum umgeben. Arbeiterkinder, Dorfkinder wie ich? Fehlanzeige. Ich lernte, arbeitete und feierte wenig. In Statistik schaffte ich es stets unter die Jahrgangsbesten, doch viele der damals angesagten Romane habe ich bis heute nicht gelesen. Keine Zeit. Im Sommer sortierte ich Briefe bei der Deutschen Post. Vier Wochen später reichte das Geld dann fast für eine Woche Sprachkurs im Ausland.

„Ein sozialer Aufstieg über Bildung ist de facto nicht mehr möglich in Deutschland. Ausschlaggebend ist die soziale Herkunft und die finanziellen Kapazitäten der Eltern“, zitiert „Monitor“ diesen Frühsommer die Wissenschaftlerin Meltem Kulaçatan. Die Statistik gibt ihr Recht: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 79 Prozent ein Hochschulstudium. Bei Nicht-Akademikerfamilien sind es 27 Prozent. Ein Auslandsjahr in der Oberstufe oder nach dem Abitur bestritten bei uns nur die Kinder von Lehrer*innen und Ärzt*innen.

Ich gehörte nicht dazu. Man bemerkte das Dorfkind in mir und ließ es mich immer wieder spüren. Als ich mich etwa bei „Begabtenförderungswerken“ bewarb, lehnte man mich nach einem Interview ab. Ich würde mich zu umgangssprachlich ausdrücken, hieß es. Eine von ländlichem Dialekt gesäuberte Sprache ist in Deutschland immer noch ein Klassenmarker. Ich passte mich an. Zu Hause wunderte man sich, warum ich plötzlich so hochgestochen klang.

Ganz gleich wie gut ich war, egal wie weit ich kam, die Unsicherheit und das Gefühl, nicht dazuzugehören blieb. Die Menschen, denen ich nun auf Konferenzen und bei Förderprogrammen begegnete, waren so anders als die in meinem Dorf. Noch krasser wurde es, als ich es als Vollstipendiatin nach Oxford schaffte. Dorthin, wo die Oberschicht die Norm ist.

In meinem Leben prallen Welten mit voller Wucht aufeinander. Keine ist (mehr) so richtig die eigene. In meiner Welt aus Stipendien, Oxford und Außenpolitik kann kaum jemand verstehen, was es bedeutet, den Weg gegangen zu sein, der mich nun ausmacht: das Rennen, Aufholen und Entfremden. Und in meiner ländlichen Idylle treffe ich auf Unverständnis für die Veränderungen durch den Weg, den ich bislang gegangen bin. Ein Spagat, der erschöpft.

Ich wünschte, meine Geschichte wäre keine besondere. Ich wünschte, ich wäre in Oxford von Arbeiterkindern umgeben gewesen. Oder wäre bei den Vereinten Nationen, wo ich nach dem Studium und anfangs im Rahmen des Mercator Kollegs für Internationale Aufgaben arbeitete, von Dorfkindern umringt gewesen. Doch nur wenige schaffen es „nach oben“. In unserer Gesellschaft werden Privilegien vererbt. Das muss sich ändern. Es muss unser Anspruch sein, sozialen Aufstieg allen zu ermöglichen. Denn wenn sich immer nur dieselben homogenen Gruppen an der Spitze wiederfinden, vergeuden wir nicht nur enormes Potenzial – wir gefährden auch massiv unseren sozialen Zusammenhalt, unsere Werte, unsere Demokratie. Dagegen sollten wir geschlossen vorgehen, gemeinsam.

Autorin
Kristina Lunz ist Mitbegründerin und Deutschland-Direktorin des Centers für feministische Außenpolitik