Flucht und Einwanderung

Haltung und Aktivitäten der Stiftung Mercator

Die zunehmenden Einwanderungs- und Flüchtlingsströme sind aktuell eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene. Als deutsche und europäische Stiftung, die sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt, gleiche Lebenschancen und ein handlungsfähiges Europa einsetzt, möchten auch wir einen Beitrag zur Bewältigung dieser Herausforderung leisten.

Derzeit fördert die Stiftung Mercator elf Projekte mit dem Schwerpunkt auf Flucht und Einwanderung mit einem Gesamtbudget von 6.921.500 Euro. In weiteren 25 Projekten wird das Thema neben anderen Schwerpunkten ebenfalls adressiert.

Flucht und Einwanderung

Cluster Integration

Das Cluster Integration setzt sich für mehr Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem ein. Die bestehende Bildungsungleichheit bei den Schul- und Hochschulabschlüssen soll durch einen Abbau struktureller Hürden reduziert werden. Da viele geflüchtete Kinder und Jugendliche langfristig in Deutschland bleiben, versteht die Stiftung Mercator sie als Teil ihrer Zielgruppe mit Migrationshintergrund. Eine chancengleiche Partizipation ist nur dann möglich, wenn die Gesellschaft Einwanderung und Vielfalt positiv gegenübersteht. Darum streben wir im Cluster Integration auch nach einer Veränderung des politisch-gesellschaftlichen Diskurses sowie der Gestaltung eines positiven Integrationsklimas. Im Kontext Schule steht einerseits die Erprobung konkreter schulischer Konzepte für neuzugewanderte und geflüchtete Schüler, andererseits die Unterstützung und Qualifizierung der Lehrkräfte im Vordergrund.

Folgende bereits laufende Projekte nehmen diese Aspekte in den Blick:

  • Zusammen - Zuwanderung und Schule gestalten

    Im Rahmen des Projekts entwickeln multiprofessionelle Teams bestehend aus Lehrkräften, Sozialarbeitern und interkulturellen Beratern an zwei Schulen in Duisburg neue Konzepte für die Beschulung von neu eingewanderten Kindern in sog. Seiteneinsteigerklassen. Neben der Vermittlung von Deutschkenntnissen geht es darum, die Kinder an die alltägliche Lebenswelt heranzuführen und zugleich deren Eltern als Partner mit einzubeziehen.

  • Mercator-Institut und RuhrFutur

    Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte werden derzeit sowohl am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache als auch in Kooperation von RuhrFutur und dem Projekt „ProDaZ“ an der Universität Duisburg-Essen entwickelt und erprobt. Hier entstehen sowohl Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte als auch Lehrwerke und Unterrichtsmaterialien.

  • Neu eingewanderte Kinder und Jugendliche in Schule integrieren (AT)

    Drei Kommunen und ihre Schulen im Ruhrgebiet werden dabei unterstützt, umfassende Maßnahmen zur verbesserten Integration von neu eingewanderten Kindern in Schule zu entwickeln und zu erproben.

  • Lernen für Vielfalt (LeVi)

    Weiterqualifizierung für das Unterrichten von neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern: An der Universität Duisburg-Essen werden 30 verschiedene Fortbildungs-Module für Lehrkräfte angeboten.

Im Hochschulkontext setzt die Stiftung Mercator ihren Schwerpunkt auf die Integration von Flüchtlingen in ein reguläres Studium, um diesen dadurch mittel- bis langfristig eine berufliche Perspektive zu ermöglichen.

Schätzungen zufolge besitzen zehn bis 30 Prozent der Geflüchteten die Hochschulreife oder haben in ihrem Heimatland bereits studiert. Viele von ihnen möchten in Deutschland ein Studium absolvieren oder ein begonnenes Studium beenden. Den deutschen Hochschulen stellt sich die Aufgabe, hierfür trotz unzureichender Bildungsnachweise und Deutschkenntnisse Möglichkeiten zu schaffen und (rechtliche) Spielräume zu nutzen. Die Stiftung ist im Gespräch mit Hochschulen, dem Wissenschaftsministerium NRW und anderen Förderern, um nachhaltige Maßnahmen zur Flüchtlingsintegration im Hochschulbereich zu entwickeln.

Aktuell werden in einem Projekt mit der Universität Hildesheim die laufenden Aktivitäten der Hochschulen näher beleuchtet und Best Practice-Beispiele identifiziert. Die Ergebnisse sollen in eine Handreichung für Hochschulen und Politik einfließen.

Darüber hinaus fördert das Projekt „Perspektive Studium“ ab Mai 2016 Beratungskapazitäten für studieninteressierte Flüchtlinge an vier Hochschulen in NRW und unterstützt Know-How sowie Vernetzung aller Hochschulen des Landes zu diesem Thema. Das Projekt transferiert dabei das Konzept der Clearingstelle des Talentkollegs Ruhr an der Universität Duisburg-Essen an die TU Dortmund, die RWTH Aachen und die Universität Bielefeld, um Flüchtlinge aus einer Hand über das gesamte Studium hinweg zu beraten und zu begleiten. Im Avicenna Studienwerk werden in Kooperation mit anderen Begabtenförderungswerken jährlich bis zu 150 Stipendiaten zu Flüchtlingslotsen ausgebildet. Im Hinblick auf die Aktivitäten der Stiftung Mercator in Bezug auf den Integrationsdiskurs und das Integrationsklima ist der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) seit vielen Jahren etabliert und auch im aktuellen Diskurs präsent. Für 2016 ist geplant, gemeinsam mit anderen SVR-Stiftungen in verschiedenen Projektformaten (Bürgerdialoge, Empfehlungen an Politik) einen Beitrag zu einer positiven Willkommenskultur und guten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten.

Cluster Kulturelle Bildung

Praktiker aus Schulen und Verantwortliche aus den Schulbehörden berichten zunehmend davon, dass Aktivitäten im Bereich der kulturellen Bildung ein sehr wichtiges Mittel sind, um der nachhaltigen Integration geflüchteter Kinder und Jugendlichen den Boden zu bereiten. Gerade künstlerische Aktivitäten wie gemeinsames Singen oder Tanzen sind besonders geeignet, Kinder und Jugendliche unmittelbar in Interaktionen und Kommunikationen ohne Sprachbarrieren zu bringen. Folgende bereits laufende Projekte nehmen diese Aspekte in den Blick: 

  • Übergänge. Brücken bauen durch Musik und Tanz

    Im Rahmen des Projekts des Klavier-Festivals Ruhr werden Methoden entwickelt, um die Übergangsgestaltung sowohl zwischen verschiedenen Schulformen als auch zwischen Seiteneinsteigerklassen und Regelschulklassen zu verbessern. Bei einigen der teilnehmenden Schulen besteht die Schülerschaft mit bis zu 80 Prozent aus geflüchteten Kindern.

  • Sprache durch Kunst

    Im Rahmen des Projekts des Museums Folkwangs und der Universität Duisburg-Essen wurden Methoden entwickelt, um Kindern mit Sprachförderbedarf durch die Auseinandersetzung mit Kunst im Museum einen neuen Zugang zur deutschen Sprache zu eröffnen. Das Projekt ist beendet, die entwickelten Methoden können aber auf die aktuelle Situation übertragen werden.

  • Sprachbildung durch Kultur

    Das Projekt des Kinderkulturhauses Lohbrügge (KIKU) in Hamburg dient der gezielten Förderung des Erwerbs von Deutsch als Zweitsprache mit verschiedenen Mitteln der kulturellen Bildung in Schule. Die Materialien und Methoden sind dabei auch für die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen geeignet und einzelne Kurse richten sich auch bereits gezielt an diese.

Cluster Europa

Im Cluster Europa verfolgen wir das Ziel, Europas Handlungsfähigkeit und Zusammenhalt zu stärken. In Anbetracht der gegenwärtigen Flüchtlingsströme wird offensichtlich, wie wichtig diese beiden Ziele sind. Denn eine tragfähige und nachhaltige Lösung der angespannten Flüchtlingssituation kann nur auf europäischer Ebene gelingen.

Wir begreifen die Türkei als Teil Europas. Dem Land kommt in der gegenwärtigen Lage eine bedeutende Rolle zu: So hat die Türkei in den vergangenen Jahren über zwei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die EU und die Türkei sind aufeinander angewiesen, um illegale Einwanderung zu bekämpfen und Migration nach Europa zu regulieren.

Gleichzeitig bietet die Flüchtlingskrise eine Möglichkeit, vielen Menschen die Bedeutung europäischer Politik konkret vor Augen zu führen. Denn in den Kommunen materialisieren sich derzeit vermeintlich abstrakte europäische Themen wie Europas Solidarität, eine humanitäre Sicherung der Fluchtrouten oder der effektive Schutz der EU-Außengrenzen. Bereits heute fördert die Stiftung Mercator europäische Initiativen, die sich mit dem Themenfeld Flucht und Einwanderung auseinandersetzen:

  • Advocate Europe

    Der fortlaufende Ideenwettbewerb, umgesetzt von MitOst e.V. und Liquid Democracy e.V., fördert innovative Vorhaben zum Thema Europa. Bei der vergangenen Ausschreibungsrunde konnten sich drei Projekte durchsetzen die sich der Frage nach der Unterbringung der Flüchtlinge sowie einer Verbesserung der Fluchtbedingungen widmen.

  • European Council on Foreign Relations

    Der strategische Think Tank-Partner der Stiftung Mercator wird im Förderjahr 2015-2016 einen seiner Arbeitsschwerpunkte auf die europäische Flucht- und Asylpolitik legen. Das umfasst Analysen und Veranstaltungen, die wichtige Impulse für die europapolitische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsfrage in Deutschland leisten.

  • Mercator Europadialog

    Im Rahmen des Mercator Europadialogs bringt der German Marshall Fund Abgeordnete nationaler Parlamente zusammen, jenseits von Parteien, Ausschüssen und Sprachen. Diese Plattform untergliedert sich in vier Arbeitsgruppen. Eine davon widmet sich ausschließlich dem Themenfeld Flucht und Migration.

  • Mercator Dialogue on Asylum and Migration (MEDAM)

    Eine Gruppe europäischer Wissenschaftler identifiziert Herausforderungen der Flüchtlingskrise und erarbeitet Handlungsstrategien zur europäischen Asyl- und Migrationspolitik aus primär wirtschaftswissenschaftlicher Sicht.

  • Deutsch-Türkische Initiative für Austausch in der Flüchtlingshilfe

    Unser Partner Anadolu Kültür baut im Projekt „Deutsch-Türkische Initiative für Austausch in der Flüchtlingshilfe“ ein Akteursnetzwerk aus den Bereichen Bildung und Integration auf. Teilnehmende Wissenschaftler, Praktiker und Entscheider aus dem Ruhrgebiet, Berlin, Gaziantep und Istanbul fördern durch die Erstellung eines Werkzeugkoffers für die kulturelle Bildungsarbeit die Integration von Flüchtlingskindern in beiden Ländern.