Fächerübergreifend/ -windend lernen

POSITIVE LERNERFAHRUNGEN STÄRKEN DAS SELBSTBEWUSSTSEIN UND DIE EIGENSTÄNDIGKEIT. DIE RICHTSBERG-GESAMTSCHULE IN MARBURG LEBT VOR: WER WIRKLICH LEISTUNG WILL, MUSS DEN MENSCHEN INS ZENTRUM STELLEN

Kreativpotentiale: für eine neue Lehr- und Lernkultur

Ob Kinder und Jugendliche kulturelle Bildung erfahren, hängt aktuell noch stark von ihrem Elternhaus ab. Lehrer und Schüler von der Richtsbergschule in Marburg erzählen, wie das anders gelingen kann.

Zur Story

„Ist die Welt eine Kommode?“ Thomas Ferber, Schulleiter der Richtsberg-Gesamtschule (RGS) in Marburg, erhebt die Stimme, um sich gegen das Geschirrklappern in der Schulkantine zu behaupten. „Nein! Und trotzdem tut Schule immer noch so, als ließe sich die Wirklichkeit in Fächer einteilen. Wir müssen dieses Denken in Schubladen überwinden.“ Die integrative und inklusive Gesamtschule liegt auf dem Richtsberg, in einem nicht eben überprivilegierten Stadtteil. „Wir sind keine Brennpunktschule“, betont Lehrer und Schulleitungsmitglied Peter Driehsen, an der RGS zuständig für Partizipationsprojekte. Tatsächlich kommen von den 550 Schülern ein Drittel aus dem Stadtteil, die anderen aus der Kernstadt sowie weiteren Ortsteilen Marburgs. Aber warum schickt man sein Kind auf den Richtsberg in die Schule?

Der äußere Eindruck liefert keine Antwort. Wer in den 1980er-Jahren zur Schule gegangen ist, fühlt sich dahin zurückversetzt. Aber im Inneren des Gebäudes fallen erste Unterschiede auf: Die Wände sind bunt bemalt, doch ohne Anzeichen von überbordendem Vandalismus. Und dafür, dass gerade Unterrichtszeit ist, ist es erstaunlich laut, ohne chaotisch zu sein. Das liegt, und hier wird es seltsam, auch an den offenen Türen der Klassenräume. Offene Klassenzimmer, selbst organisiertes Lernen, Fächereinteilung überwinden: Ist die RGS eine der letzten Brutstätten antiautoritärer Reformpädagogik, die überlebt hat, weil sie unter dem Radar fliegt?

Keineswegs, hier zieht keiner den Kopf ein: Seit 2015 ist die RGS zertifizierte „Kulturschule“ im gleichnamigen Landesprogramm des Hessischen Kultusministeriums. Die Stiftung Mercator unterstützt das Programm im Rahmen ihres Projekts „Kreativpotentiale“. „Die Bedingungen für Kulturschulen sind klar formuliert“, erläutert Cornelia Picht, die Kulturschulkoordinatorin der RGS. „Das erklärte Ziel ist es, jedem Kind das Entdecken seiner Kunst zu ermöglichen, auch im Mathematikoder Physikunterricht.“ Das klingt zunächst nach anthroposophischem Zahlen- Tanzen. „Das liegt daran, dass jedem beigebracht wird, dass bei Naturwissenschaften der Spaß aufhört und der Ernst des Lebens beginnt“, erklärt Driehsen, der hier seit 2000 unterrichtet. „Doch warum soll dort unmöglich sein, was vom Deutschunterricht längst erwartet wird?“ Neu an die RGS kommende Lehrer müssen diesen „Kulturschock“ erst einmal verkraften: In Fachforen und Fortbildungen erlangen sie ein Gespür für ästhetische Bildungszugänge, überwinden eigene Ängste.

Diese Idee von Schule erzeugt ein enormes Niveau: Im Herbst steigt eine Projektwoche zum Thema „Metamorphosen“. Hier trifft von Biologie bis Literatur alles aufeinander, was sich wandelt und diese Schule ausmacht: kreuz und quer unterrichten mit klarem Fokus auf die bekannten und zu entdeckenden Stärken der Schüler. „Schließlich unterrichten wir nicht Fächer, sondern Kinder. Wir helfen ihnen, sich auf ein Leben als verantwortungsvolle Erwachsene vorzubereiten“, sagt Schulleiter Ferber. Da erscheint es sinnvoll, dass von Anfang an „Berufsorientierung (BO)“ auf dem Stundenplan steht. Spielerisch wird erkundet, wer was gut kann oder können möchte. „Wir verbringen viel Zeit mit unseren Schülern“, sagt Driehsen, der neben Deutsch, Gesellschaftslehre, Kunst, Sport und BO auch Ethik unterrichtet. „Entscheidend aber ist unsere Haltung. In unserem Lehrer-Leitbild verpflichten wir uns, neue musische Zugänge zu eröffnen und Partizipation zu ermöglichen.“

Doch Partizipation muss gelernt werden. Wer besondere Aufgaben übernimmt, weiß, dass verpasster Unterrichtsstoff nachzuarbeiten ist. Leistung muss sein. Das gilt auch für Anna-Lena, Sina und Maja, die als „Catering-Team“ angemeldete Schulbesucher im Besprechungsraum mit einem leckeren Frühstücksbuffet und frischem Kaffee überraschen. Sie sind schüchtern, servieren aber wie die Profis. Später wollen sie auf jeden Fall berühmt werden. Einstweilen sammeln sie positive Rückmeldungen als Caterer, denn Besucher gibt es an der RGS viele. Diese werden nach dem Imbiss von „School Guides“ durch das Gebäude geführt. In diesem Falle ist es der 15-jährige Max, der anscheinend jeden Fleck an jeder Wand kennt und dazu so eloquent und gewitzt parliert, dass man nicht glauben mag, dass er als Mensch mit einem atypischen Autismus in Sinne eines Aspergersyndroms noch vor fünf Jahren kaum zu ungezwungener und reaktionsschneller Kommunikation in der Lage war.

Neben den Besonderheiten als „Kulturschule“ ist auch die Organisation des Ganztagsangebots originell und intelligent. Anstelle der üblichen Aufteilung in Unterrichtsvormittag und Unterhaltungsnachmittag wird das Schulleben gut durchgemischt: Schon in der ersten Pause können Schüler für 30 Minuten im selbst verwalteten und bestens ausgestatteten Musikraum am selbst geschriebenen Song feilen oder im Theaterraum das neue Stück proben. Alles steht an seinem Platz, und los geht’s; manchmal schon vor Unterrichtsbeginn, dafür wird extra früher aufgeschlossen. Nach dem zweiten Doppelstundenblock gibt es eine 80-minütige Pause: Während die Klassenstufen 5, 7 und 9 zuerst in der Kantine essen und danach den zuvor gewählten Angeboten nachgehen, ist in den Klassen 6, 8 und 10 die zeitliche Reihenfolge umgekehrt, bevor dann noch mal alle in den Unterricht gehen.

Zu Beginn jedes Halbjahres wählen die Schüler, welche Ganztagsangebote sie nutzen wollen. Bei deren Umsetzung sind auch externe Partner involviert. Studierende von der Rock Pop Jazz Akademie Mittelhessen, einer Musikhochschule in Gießen, bieten eigene Kurse an, und manche Angebote werden auch von Schülern selbst gestaltet. „Das ist dann Teamarbeit auf Augenhöhe“, schmunzelt Driehsen. Manchmal sogar mehr als das: Einer der Schüler hat bereits professionelle Graffiti-Aufträge ausgeführt. Da muss sich auch ein Lehrer mal etwas sagen lassen. „Wenn die Schüler die Richtsberg- Gesamtschule nach der zehnten Klasse verlassen, wissen sie ziemlich gut, was sie wollen und wie sie es schaffen. Das ist es, was Schule erreichen will“, so Ferber.

In einem Bereich haben Schüler wortwörtlich die Regie übernommen. Die „Light & Sound Crew“ stellt seit Jahren die Beleuchtung und Beschallung sämtlicher Schulveranstaltungen sicher. Das aktuelle Team besteht aus Michael, Jan, Leon und Florian. Die 14- und 15-Jährigen schauen mindestens einmal am Tag in „ihrem“ Raum nach dem Rechten. Sie verwalten und reparieren die professionellen Gerätschaften, organisieren den Aufbau und Soundcheck, führen Jüngere geduldig an die verantwortungsvolle Aufgabe heran. „Interesse an Licht- und Tontechnik“ ist deren gängige Motivation. Was sie nicht sagen: Teil dieser Crew zu sein, ist megacool! Sechs bis sieben Veranstaltungen machen sie im Jahr, dazu kommen Anfragen von außen. Wiebke Struckmeier begleitet als Lehrerin das Ganze im Hintergrund: „Ich halte den Schülern den Rücken frei, rede mit Kollegen, wenn Unterricht versäumt wird, und ich bin der Fahrdienst.“

Leidet bei so viel Partizipation nicht der Unterricht? „Nö“, entgegnet Ferber entschieden: „Tatsächlich heben wir viele Schüler um einen Standard nach oben und können am Ende der 9. Klasse bei vielen Inklusionsschülern den Förderbedarf aufheben. Hauptschüler kommen bei uns auf Realschul- und Realschüler auf Gymnasialniveau. Wer dieses Ziel anstrebt, muss den Menschen ins Zentrum stellen.“ Nicht umsonst kooperiert die RGS mit der Philipps-Universität Marburg: Diese schickt angehende Lehrer zum „forschenden Lernen“ auf den Richtsberg.

Man merkt, wie wohl sich die Kinder hier fühlen – ganz gleich, welches Päckchen sie zu tragen haben. In der Kantine spricht Ferber zwei vorbeilaufende Fünftklässlerinnen an. Ihnen gefalle es sehr gut hier, antworten sie ohne Scheu. Ihre Freundinnen an anderen Schulen seien weniger glücklich. „Bei uns an der RGS sind alle verschieden und werden so akzeptiert. Auf diese Weise vermitteln wir ein anderes Menschenbild als an Schulen, in denen jedes Jahr Schüler scheitern“, sagt Ferber, und man spürt seinen Stolz. Wer mag ihm das verübeln?

Autor: Matthias Heitmann liefert in seinen Publikationen, Seminaren und Auftritten gute Gründe für Optimismus und verjagt so den negativen Zeitgeist. Sein Bühnenprogramm „Zeitgeisterstunde“ feierte im Oktober Premiere in Frankfurt.

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