„Europäische Teilöffentlichkeiten werden vernehmlicher“

Soziale Medien spielen auch im Europa-Diskurs eine große Rolle, sagt Lutz Hachmeister, Gründungsdirektor von unserem Projektpartner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Köln. In den Kanälen seien keineswegs nur anti-europäische Stimmen zu hören: „Im dialektischen Sinne werden Twitter oder Facebook auch stärker für eine Art pro-europäischer Resistenz genutzt.“

15. April 2019

Herr Hachmeister, man hört das Schlagwort häufig – wie sieht es vor der Europawahl mit einer europäischen Öffentlichkeit aus?

Lutz Hachmeister: Es gibt nicht eine europäische Öffentlichkeit, aber doch einige relevante Teilöffentlichkeiten. Etwa pro-europäische Reformaufrufe von Intellektuellen, Europa-Kampagnen von CEO’s oder Stiftungen, auch verstärktes zivilgesellschaftliches Engagement. Das alles wird vernehmlicher. Und mit dem Eurovision Song Contest gibt es sogar eines der weltweit erfolgreichsten Unterhaltungsformate. Seit der Wahl von Trump in den USA oder dem endlosen Brexit-Spektakel hat der Europa-Diskurs auch bei den Normalbürgern an Intensität zugelegt. Paradoxerweise haben auch anti-europäische, völkische Bestrebungen in einzelnen Nationen dazu geführt, dass es auf der anderen Seite wieder mehr Freunde der europäischen Idee gibt. Ich bin da nicht so skeptisch, halte aber nicht besonders viel von allzu ostentativen Kampagnen, die politische oder ökonomische Realitäten eher ausblenden. Spezifisch europäische Medien haben bislang nicht so gut funktioniert, aber auch das könnte sich schrittweise ändern, wenn Programm-Macher auch in den klassischen Medien kreativere Ideen dazu entwickeln würden. Die Eurovision im klassischen Fernsehen, das ja immer noch eines der starken Publikumsmedien ist, war schon mal ausgeprägter.

Welche Rolle spielen Social Media im Europa-Diskurs?

Hachmeister: Grundsätzlich spielen sie ja eine große Rolle, wenn man den Forschungen nach dem „Cambridge Analytica“-Skandal glaubt, also im Sinne von Wahlbeeinflussungen oder als Plattformen für rechtspopulistische Europa-Gegner. Da gibt es auch internationale Allianzen, mit dem Ziel, den Einfluss traditionell bürgerlicher Medien zu brechen. Sogar Steve Bannon, der einstige „Alt-Right“-Mentor von Trump, hat sich ja als Strategie-Berater für die ungarische oder französische Rechte angeboten. Man sollte aber solche Diversions-Versuche, die es sicher gibt, auch Trollfabriken, nicht als fundamental für anti-europäische Sentiments nehmen, die ja im Wesentlichen Einstellungen gegen die konkrete EU sind, sonst landet man leicht bei universellen Verschwörungstheorien. Da gibt es tiefere historische und sozioökonomische Ebenen. Im dialektischen Sinne werden Twitter oder Facebook aber auch stärker für eine Art pro-europäischer Resistenz genutzt. Beides hebt sich wahrscheinlich auf.

Wie nutzen europäische Institutionen und politische Akteure Social Media?

Hachmeister: Es gehört inzwischen zum politischen Alltagsgeschäft, dass nahezu jeder politische Akteur sein Social-Media-Team hat, ob in Europa oder auf nationalen und regionalen Ebenen. Da kann man aber sehr viele Fehler machen, wenn man den Duktus und die Funktionsweisen dieser relativ neuen Kommunikationskanäle nicht versteht. Reine Eigen-PR oder parteipolitische Propaganda funktionieren da gar nicht, wirken altbacken und komisch. Das hat etwa der Europa-Politiker Martin Schulz bei seiner deutschen Kanzlerkandidatur erleben müssen, die sicher ehrlich gemeinten Tweets seines Teams haben eher zu ironischen oder sarkastischen Gegenreaktionen geführt. Dagegen macht es der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn von der „Partei“ ziemlich clever. Als Polit-Satiriker hat man es aber auch einfacher.

Welche besondere Rolle spielt die Twitter-Kommunikation, die Sie ja seit längerem untersuchen?

Hachmeister: Twitter hat sich überwiegend, abgesehen von vielen Spintisierern, die dort unterwegs sind, seit der Entstehung 2006 zu einem politischen und publizistischen Elitenmedium entwickelt, wird also besonders intensiv von Journalisten, Politikern und zivilgesellschaftlichen Aktivisten genutzt. Es ist ein schnelles Schlagzeilen-Medium, weit mehr als Facebook, und es ist eine publizistische Technologie mit einfachem Zutritt, auch mit sofortiger narzisstischer Befriedigung in den jeweiligen peer groups. Man darf es aber nicht einfach als „Kurznachrichtendienst“ missverstehen, man kann ja von dort aus auf alles mögliche, also auch auf längere Texte oder Filme im Netz, verweisen. Es ist wahrscheinlich das schnellste und einfachste Universal-Medium, über das wir gegenwärtig verfügen. Das macht es für die Kommunikationsforschung auch so interessant. Die deutsche Piratenpartei etwa ist mit Twitter groß geworden und hat sich mit diesem Medium tragischerweise auch zerlegt. Inzwischen hat die Twitteria aber im Umgang mit dieser Kommunikationsform auch gelernt. In unserem aktuellen IfM-Forschungsprojekt untersuchen wir gerade die Reaktionen von profilierten EU-Politikern auf die Twitter-Kanonaden von Donald Trump, der ja nun der eminenteste Twitter-Politiker überhaupt ist.

Gibt es da systematische Unterschiede?

Hachmeister: Twitter, Facebook, Instagram, YouTube etc. sind ja alles US-amerikanische Technologie-Entwicklungen, es gibt also einen bestimmten Vorsprung in der neueren Mediensozialisation für die professionelle US-Polit- und Medienszene, ganz unabhängig von politischen Einstellungen. Und natürlich wird es sich kein EU-Politiker leisten, nachgeordnetes Personal via Twitter abzuservieren. Twitter ist ein Medium, das einem ausgeprägt narzisstischen Charakter wie Trump sehr zugute kommt. Innerhalb der EU gibt es Politiker, die sich via Twitter sehr frontal mit Trump einlassen, wie Guy Verhofstadt oder Donald Tusk, und andere, die sehr bewusst auf Trump-Tweets nicht reagieren. Bei Verhofstadt und Tusk hat das gelegentlich agressive Zurück-Twittern vor allem zur individuellen politischen Profilierung beigetragen, also innerhalb des EU-Raumes.

Haben sich durch Social Media die politischen Debatten verändert?

Hachmeister: Es gibt das gängige Analyse-Paradigma: Alles wird nervöser, oberflächlicher, auf den schnellen Punch aus und so weiter. Das stimmt auch, war aber bei starken Brüchen in der neuzeitlichen Medienevolution nie anders, etwa bei der Zeitungspublizistik in der Französischen Revolution. „Social Media“ funktionieren auch durchschlagend nur in Korrelation mit älteren Medienformen, etwa TV-Talkshows, wie bei der „MeToo“-Kampagne, die ja zweifelsohne Wirkungstreffer erzielt hat. Das normalisiert sich auch wieder, und man darf nicht vergessen: Es gibt starke herkömmliche politökonomische Systeme, die immer noch die entscheidenden Ansagen machen, Konzerne, Lobbyisten, Ministerialbürokratie, mit oder manchmal ganz ohne Facebook und Twitter. Es ist eben nicht so free and easy, wie es sich mancher Internet-Euphoriker zunächst vorgestellt hat. Da gibt es eine Menge Ernüchterung, aber die neuen Medienformen, ohne klassische Gatekeeper, haben sicherlich einen starken Einfluss auf den gesellschaftlichen Wertewandel, keine Frage. Das macht sie für eine jüngere Klientel auch so attraktiv, sicher auch im Europa-Wahlkampf. Jede politische Generation entdeckt ihre neuen publizistischen Medien.