Es geht auch anders

EIN SINNVOLLER UMGANG MIT KNAPPEN RESSOURCEN LÄSST SICH AUCH GEMEINSCHAFTLICH ORGANISIEREN. DAVON WAR DIE WISSENSCHAFTLERIN ELINOR OSTROM ÜBERZEUGT – UND LIESS SICH WEDER VON AUTOS NOCH VON VERFESTIGTEN MEINUNGEN AUFHALTEN

Es geht auch anders

Sie lässt sich einfach nicht beirren. Auch nicht von den Autos, die scharf an ihr vorbeirollen, die keine Anstalten machen, für die Frau mit dem Zollstock langsamer zu fahren. Es ist Palmsonntag in Indianapolis, ein grauer Frühlingstag im Jahr 1974. Vor ein paar Tagen waren noch schwere Stürme über das Land gefegt, haben Schnee, Gewitter und Tornados ihre Spuren hinterlassen. In manchen Straßen sind die Schlaglöcher jetzt noch tiefer. Genau die aber interessieren Elinor Ostrom, die Frau mit dem Zollstock.
Manchmal muss sie einen Umweg machen, um an ihr Ziel zu kommen. Und manchmal fragt sich die 40-Jährige, warum ein vernünftiger Mensch auf eine viel befahrene Straße stürmt, das Leben riskiert, nur um ein paar Löcher im Boden zu vermessen – warum ausgerechnet sie das tut. Als Politikprofessorin. Sie könnte doch einfach akzeptieren, was herrschende Lehrmeinung ist: dass die einfachen Bürger nicht so richtig Bescheid wissen über den eigenen Stadtteil, zum Beispiel über den Zustand ihrer Straßen.
Doch die Studierenden, die sich mit ihr an diesem 7. April in den Straßenverkehr von Indianapolis wagen, wissen nur zu gut: „Lin“, wie Elinor Ostrom genannt werden will, lässt nicht locker, wenn es darum geht, Daten für ihre Studien zu sammeln. Eigentlich will sie nur herausfinden, ob größere Polizeireviere besser sind als kleine. Die herrschende Lehre sagt: Ja, denn größer und zentralisierter ist eben effizienter. Die vielen kleinen Einheiten – nur Ressourcenverschwendung und Chaos. Doch je länger Lin Ostrom, die Professorin von der Indiana University in Bloomington, die Wirklichkeit studiert, desto unrealistischer erscheint ihr diese Theorie und der daraus abgeleitete Ruf nach mehr Zentralisierung.
Sie hat schon die Bürger befragt, wie sie die Polizeiarbeit und die Sicherheit in ihren Wohnbezirken einschätzen: Sie fühlen sich besser aufgehoben, wenn kleinere, lokale Polizeibehörden zuständig sind. Allein dieses Ergebnis ist eine Ohrfeige für Politiker und Fachkollegen, die der Bevölkerung wenig bis gar kein Urteilsvermögen zutrauen. Irgendwie muss sich doch zeigen lassen, dass die Bürger sehr wohl bewerten können, wie es um die Versorgung mit öffentlichen Gütern steht – von diesem Gedanken ist Ostrom getrieben. Deshalb misst sie jetzt die Tiefe von Schlaglöchern; deshalb schreiten sie und ihre Studierenden abends die Wege mit Belichtungsmessern ab, um die Qualität der Beleuchtung zu erfassen. Beim Abgleich mit ihren Umfrageergebnissen zeigt sich: So ignorant, wie von vielen Wissenschaftlern angenommen, sind die Bürger gar nicht. Und wenn sie Schlaglöcher und Straßenbeleuchtung einigermaßen treffend einschätzen können, müssten sie das auch bei der Qualität der Polizeidienstleistungen können.
Die herrschende Meinung als schicksalsgegeben zu akzeptieren, ohne davon überzeugt zu sein, ist für Elinor Ostrom inzwischen eine seltsame Vorstellung. Dafür hat sie zu oft erlebt, dass es immer auch einen anderen Weg gibt – gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Manchmal auch im Gegenverkehr. Dass sie es schaffen kann, allen Widerständen zum Trotz.
Wie damals, als sie Ende der 1940er an die Beverly Hills High School kommt, mit Mitschülern aus überwiegend wohlhabenden Familien. Elinor, die Kleider aus dem Secondhand-Laden trägt, die stotternde Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Trotz ihres Sprachfehlers tritt sie dem Debattenteam der Schule bei, macht bei Wettbewerben mit. Sie besiegt nicht nur ihr Stottern, sondern entwickelt auch ein ausgeprägtes Gespür dafür, Themen aus anderer Perspektive zu betrachten: „Es gibt zwei Seiten zu jeder Frage, und man muss lernen, schlüssig für beide Seiten zu argumentieren. Denn man wird ja zufällig einer Seite zugewiesen.“
Ihre Mutter hält jedoch nichts davon, dass Elinor nach dem Highschool-Abschluss noch studieren will. Niemand aus der Familie sei bisher aufs College gegangen, Geld dafür gebe es auch keines. Elinor schreibt sich trotzdem an der University of California in Los Angeles (UCLA) ein, finanziert ihr Studium mit Nebenjobs. Bei der Aufnahme wird sie gefragt, welches Hauptfach sie belegen möchte. „Debattieren“ lautet ihre ernst gemeinte Antwort. Dieses Fach gebe es nicht, sagt der Studienberater und empfiehlt Erziehungswissenschaften – für Frauen sei nichts anderes mit Jobaussichten vorstellbar. Drei Jahre später macht Elinor ihren Abschluss. Im Hauptfach Politikwissenschaften. Mit Auszeichnung.
Potenzielle Arbeitgeber interessieren sich jedoch vorrangig dafür, ob sie Maschinenschreiben und Stenografie kann. Und als sie wenige Jahre später nach Los Angeles zurückkehrt, um an der UCLA ein Graduiertenstudium in Wirtschaftswissenschaften zu beginnen, heißt es in der Fakultät knapp: Als Frau „macht das wohl eher wenig Sinn.“ Selbst Lins erster Mann, ein Anwalt, hält nichts von ihren Plänen. Sie könnte doch das bequeme, wohlsituierte Leben einer Anwaltsgattin in Hollywood führen. Doch das ist nicht ihre Welt. Lin trennt sich. Und promoviert bei den Politikwissenschaftlern.
Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zum Ph.D. untersucht sie, wie es Menschen im Süden Kaliforniens überraschenderweise gelingt, gemeinsam die Grundwasserreserven der Region zu schützen – obwohl es weder eine zentrale Wasserbehörde noch Privateigentum an der knappen Ressource gibt. Mehr als 500 lokal vernetzte Gemeinschaften und Wasserlieferanten organisieren ihr Wassermanagement selbst. Eigentlich, so die herrschende Lehrmeinung, kann das nicht gut gehen. Ohne es zu ahnen, findet Elinor Ostrom, wie sie nach ihrer Heirat mit dem Forscherkollegen Vincent Ostrom heißt, hier im West Basin von Südkalifornien Mitte der 1960er-Jahre ihr Lebensthema: Wie gehen Menschen mit Allmendegütern um, mit gemeinsam genutzten Ressourcen, für die es ein hohes Maß an Rivalität, jedoch kaum Ausschlussmöglichkeiten gibt?

Ein unverhofftes Gesetz

Elinor entdeckt bei ihren Feldstudien, dass die Antwort darauf komplexer ist als es die Theorie vermuten lässt. Dass es keine Universalweisheiten gibt. Sie stürzt sich mit Eifer in ihre Feldstudien, exzerpiert umfangreiche Archivunterlagen, besucht die Treffen der vielen lokalen Wasserproduzenten, die ihre unterschiedlichen Interessen mit einem komplizierten Geflecht von Vereinbarungen und Regeln austarieren. Chaos und Ineffizienz bei der Wasserbewirtschaftung im West Basin, so ihre Beobachtung, scheinen tatsächlich auszubleiben.
Zur gleichen Zeit beherrscht aber eine andere, sehr viel düsterere Stimme die öffentliche Meinung: „Freiheit auf der Allmende bringt allen Beteiligten den Ruin“, erklärt der Biologe Garrett Hardin. Sein berühmtes Essay „Die Tragik der Allmende“ prägt den Zeitgeist und beeinflusst die beginnende Umweltbewegung. Beim Umgang mit knappen Ressourcen, seien es Wasser, Fischbestände, Weidefläche oder Wälder, gebe es nur die Privatisierung oder die staatliche Regulierung, andernfalls drohe die Übernutzung, die unweigerlich zum Untergang führe.
Elinor Ostrom ist da weniger pessimistisch. Hat sie nicht gerade in Kalifornien erlebt, dass es noch mehr Lösungen geben kann? Dass auch „polyzentrische Ansätze“, wie ihr Mann Vincent es nennt, funktionieren können? Die Ostroms sind jetzt an der Indiana University, er als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft; Lin bietet man an, zweimal wöchentlich um 7.30 Uhr morgens Einführungskurse für Erstsemester zu halten. Lin willigt ein. Zehn Jahre später ist auch sie Professorin.
Zusammen bauen sie aus regelmäßigen Kolloquien einen „Workshop in Political Theory and Policy Analysis“ auf, der sich mit Allmendegütern beschäftigt. Die beiden bilden ein kongeniales Team – Vincent der Philosoph, Lin steuert die Empirie bei. Es soll bewusst ein „Workshop“ sein, kein „ Institut“, praxisnah, mit flachen Hierarchien, interdisziplinär. Die Ostroms sind mehr an der Beobachtung und Analyse tatsächlichen Verhaltens interessiert als an Annahmen über ihre Untersuchungsobjekte.
Im Laufe der Jahre sammeln die Teilnehmer einen riesigen Datenschatz, wie Menschen weltweit mit gemeinsam genutzten Ressourcen umgehen, über Waldbewirtschaftung in Nepal, Fischgründe in Maine, Bewässerungssysteme in den Schweizer Alpen. Der Workshop avanciert zum führenden Zentrum für Allmendestudien.
Oft sitzen die Mitglieder abends noch bei den Ostroms zu Hause am großen Kirschholztisch, essen zusammen, diskutieren weiter. Das Haus hat Lin selbst entworfen, ein Longhouse nach indianischem Vorbild. Das Paar sammelt indigene Kunst und Lin trägt gern farbenfrohe Kleider im Stil der amerikanischen Ureinwohner. Es ist ihr Markenzeichen. Die Möbel haben Lin und Vincent alle selbst gefertigt; ihr Wissen dafür haben sie einem befreundeten Schreiner abgeschaut. Handwerker und Lehrlinge, der Aufbau einer guten Werkstatt, das hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei den Ostroms.
Manchmal laden sie auch Gastwissenschaftler zu ihren Treffen ein. Meistens kocht Vincent, doch an diesem denkwürdigen Abend im Jahr 1976 muss es schnell gehen; Lin macht Hamburger; mit einer Hackbraten-Gewürzmischung, von der sie ganz begeistert ist, weil sie das Kochen so einfach mache und ein „herrliches Essen für die Gruppe“ produziere. Es sind diese seltsamen Freuden des alltäglichen Lebens, die Elinor Ostrom besonders liebt.
An diesem Abend hat sich ein knappes Dutzend Leute an ihrem Kirschholztisch versammelt – und sie sind einigermaßen aufgewühlt und gespannt. Denn ihr Ehrengast stellt verstörende Thesen vor: Die Überbevölkerung vernichte die Lebensgrundlagen auf dem Planeten. Es sei daher besser, den Armen nicht zu helfen. Nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung könne gerettet werden, falsch verstandener Altruismus führe nur in den Untergang. Außerdem müssten die Staaten dringend Initiativen starten, um die Geburtenrate zu senken.
Der Gast ist Garrett Hardin. Fast alles, was er an diesem Abend sagt, widerspricht dem, was die Ostroms über gemeinsam genutzte Ressourcen herausgefunden haben. Die von ihm postulierte „Tragik der Allmende“ hält Hardin für unvermeidlich. Die Ostroms und ihre Studenten sehen das anders. Auch sie halten die Gefahren der Ressourcenübernutzung für real, aber den Weg dahin nicht für unvermeidlich. Fünf Stunden diskutiert die Gruppe, bis weit nach Mitternacht, energisch in der Sache, aber höflich im Ton. „Der Staat ist die einzige Lösung“, verkündet Hardin an diesem Abend mehrmals. Mindestens genauso oft hält Lin Ostrom dagegen: „Es gibt nie nur die eine Lösung.“ Sie sagt es entschieden, manchmal wild gestikulierend, aber immer mit einem verschmitzten Lächeln. Schließlich hat sie lange genug für diese Erkenntnis gekämpft: „Es gibt nie nur den einen Weg.“

 

AUTOR Axel Reimann ist freier Journalist in Hamburg. Zuletzt erschien von ihm im Gütersloher Verlagshaus das Buch „Rindvieh-Ökonomie“, eine satirische Betrachtung wirtschaftstheoretischer Denkschulen