„Die Wunden des Bürgerkrieges sitzen tief“

Bis 2009 herrschte in Sri Lanka Bürgerkrieg. Laura Wenz ist Kollegiatin des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben und schaut sich gerade die Friedenskonsolidierung im Land an. Die Wunden des Kriegs seien noch zu spüren, sagt sie im Interview. „Damit eine Gesellschaft wieder zusammenwachsen kann, ist die Aufklärung der Gewaltverbrechen unerlässlich.“

10. September 2018

Frau Wenz, Sie sind mit dem Mercator Kolleg gerade in Sri Lanka. Thema Ihres Kollegjahres ist der Übergang zu friedlichen Gesellschaftsordnungen in Post-Konflikt-Staaten. Bis 2009 herrschte in Sri Lanka Bürgerkrieg – wie sehr sind die Folgen bis heute im Alltag sichtbar?

Laura Wenz: An der Oberfläche ist Sri Lanka friedlich, die Auswirkungen sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Doch wenn man mit den Menschen hier in Kontakt tritt, sich mit Tuktuk-Fahrern, Fischern und Restaurantbesitzern unterhält, wird ersichtlich, wie groß die Spaltung innerhalb der Gesellschaft noch ist. Die gewaltsame Vergangenheit wurde nicht aufgearbeitet und inter-ethnische Beziehungen sind außerhalb einer kleinen Elite noch selten. Die unterschiedlichen Sprachen vergrößern die Kluft zwischen der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung und der tamilischen Minderheit noch.

Was lernen Sie im Land speziell für Ihre Fragestellung?

Wenz: Wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen! In meiner ersten Woche war ich auf einem Theatertherapie-Workshop mit einer Gruppe von Tamilen im Norden von Sri Lanka. Die Wunden des Bürgerkrieges sitzen tief, auf allen Seiten. Mehr als 20.000 Menschen werden seit Jahren vermisst, ihre Angehörigen wissen nichts über ihr Schicksal. Damit eine Gesellschaft wieder zusammenwachsen kann, ist die Aufklärung der Gewaltverbrechen unerlässlich, erst dann können Schritte in Richtung Versöhnung gegangen werden.

Wie sieht Ihr Alltag momentan aus?

Wenz: Ich wohne in Fußnähe zum UN-Compound und bin froh, mich nicht durch den Verkehr quälen zu müssen. Beim UN-Gebäude angekommen, schaue ich zuerst bei Ganesh, dem Kantinenkoch, vorbei und ordere ein landestypisches Reis- und Currygericht zum Lunch. Ich komme gerne ins Büro, viele Arbeitskollegen sind in meinem Alter und oft hat irgendjemand einen neuen Witz über Deutsche in den Tiefen des Internets ausgegraben. Manchmal sind meine Tage eher von Rechercheaufgaben bestimmt, ich arbeite gerade beispielsweise an einer Art „Versöhnungsbarometer“, mit dem wir die Stimmung in der Gesellschaft messen wollen. Besonders spannend ist es für mich, wenn ich meine Chefin, die Friedens- und Versöhnungsberaterin der Vereinten Nationen, zu ihren Meetings mit Regierungsvertretern begleiten kann und so Verhandlungen hautnah miterlebe.

Sie waren während des Kollegjahres zunächst bei der Organisation Amerikanischer Staaten in Kolumbien und haben sich den Friedensprozess angeschaut. Was war dort besonders?

Wenz: Besonders aufgefallen ist mir, dass der im Ausland hochgelobte Friedensprozess in Kolumbien selbst sehr unpopulär ist. Die Gesellschaft ist tief gespalten, das hat man auch an den Präsidentschaftswahlen im Juni gesehen: Ein entschiedener Gegner des Friedensprozesses, Iván Duque, wurde in einer Stichwahl mit 54 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt, der linke Ex-Guerillero Gustavo Petro folgte ihm mit 41,8 Prozent auf dem zweiten Platz. Andererseits gibt es tolle Initiativen von Menschen, die mit viel Herzblut für den Friedensprozess kämpfen. Beispielsweise habe ich ein Projekt kennengelernt, bei dem ehemalige FARC-Rebellen und die lokale Bevölkerung eine im Krieg zerstörte Schule wiederaufbauen. Während gemeinsam Wände gemauert und Stufen ausgebessert werden, erfahren ehemalige Täter und Opfer sich einfach als Menschen – frei von dem Label der ehemaligen Gruppenzugehörigkeit. Das sind kleine Schritte, die aber Hoffnung für die Zukunft machen.

Danach waren Sie bei den Vereinten Nationen. Welche Rolle spielen diese für einen gelungenen Übergang zu friedlichen Gesellschaftsordnungen?

Wenz: Die Vereinten Nationen haben die Möglichkeit, Landesregierungen unterstützend zur Seite zu stehen, Projektpartner zu fördern und eigene Projekte zur Friedenskonsolidierung zu implementieren, Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken und so beispielsweise lokale Menschenrechtsaktivisten zu schützen. Ich habe aber auch erlebt, wie sie an Grenzen stoßen, da sie nicht gegen den Willen der Landesregierung handeln können. Schön ist es, wenn man die Auswirkungen von Headquarterverhandlungen im Feld sieht: Während meiner Zeit in New York wurde die Stärkung der jungen Bevölkerung als Friedensadvokaten diskutiert, hier in Sri Lanka haben wir nun Projekte angestoßen, die diese Diskussionen in die Praxis umsetzen.

Sie haben während Ihrer Zeit als Mercator Kollegiatin unterschiedliche Perspektiven kennengelernt – wie sieht Ihr Fazit aus?

Wenz: Ich hatte im Schnelldurchlauf die Möglichkeit, mich in neue Kontexte einzuarbeiten, in die Politik fremder Länder einzutauchen und meinen Blick für neue Perspektiven zu schärfen. Aber vor allem habe ich überall auf der Welt großartige Menschen kennengelernt, was mir jedes Mal den Abschied schwergemacht hat. Es war ein aufregendes Jahr, zwischendurch auch sehr fordernd, aber es hat mich nur darin bestärkt, mich auch in Zukunft mit Themen der internationalen Zusammenarbeit zu beschäftigen.