„Die reine Produktion von Evidenz reicht nicht aus“

Interview mit Mercator Senior Fellow Carmen Mörsch

„Die reine Produktion von Evidenz reicht nicht aus“
Gabrielle Esteban

Liebe Frau Mörsch, Sie waren von Januar 2017 bis zum September 2017 Mercator Senior Fellow. Wie ist es zu diesem Fellowship gekommen?

Ich wurde im Februar 2016 von der Stiftung kontaktiert, ob ich Interesse hätte, mich zu bewerben. Ich habe mich damals schon sehr darüber gefreut, denn das kam zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Institutsleitung am Institute for Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste acht Jahre innehatte. Ich hatte diese acht Jahre sehr intensiv am Aufbau dieses Forschungsinstitutes gearbeitet, die Anfrage kam dann zu einem Zeitpunkt, an dem ich das Gefühl hatte, dass ich dringend selbst mal wieder neue Inhalte und Konzepte für meine eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit erschließen sollte. Dazu hatte ich auch schon eine sehr konkrete Idee. Und in genau diesem Moment kam die Anfrage.

Hinzu kam, dass man in der Schweiz an Fachhochschulen nur alle zehn Jahre ein Forschungssemester beantragen kann – das war damals genau der zum richtige Zeitpunkt (Anmerkung der Redaktion: Um ein Mercator Fellowship wahrnehmen zu können, muss der Fellow sich von seiner ursprünglichen Tätigkeit für den Zeitraum der Förderung freistellen lassen).

Was war das Thema Ihres Mercator Fellowships?

Mein Ziel war es, diskriminierungskritische Lehr- und Lernmaterialien für die Schnittstelle zwischen Bildung und den Künsten zu entwickeln. Mir ging es dabei ganz bewusst darum, die gesamte Schnittstelle von Kunst und Bildung zu erfassen: von Lehrpersonen, die in der Schule die Künste unterrichten, über die außerschulische Kunstvermittlung und kulturelle Bildung bis zur künstlerischen Ausbildung.

Dem zugrunde lag, dass wir vier Jahre lang ein Forschungsprojekt hatten, das Arts.School.Differences hieß, in dem wir die Ungleichheit an den Kunsthochschulen erforscht haben, sprich uns mit den Fragen nach den Ein- und Ausschlussmechanismen im Studium befasst haben. Das hat mich sehr bewegt und mir sehr klar gemacht, dass es da dringenden Handlungsbedarf gibt. Einerseits gab es bei den Hochschulleitungen ein großes Interesse und Sorge, dass man aufgrund von Ausschlussmechanismen die wirklichen Talente nicht entdeckt, andererseits aber auch sehr starke Abwehrmechanismen gegenüber der Einsicht, dass dies auch strukturelle Hintergründe haben könnte. Dieses ambivalente Verhältnis habe ich in dem Bemühen, etwas zu verändern, als sehr zermürbend erlebt. Und ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass wir den aktuellen Status Quo nur langfristig verändern können. Wir müssen versuchen, die nächsten Generationen von Akteuren heranzubilden, die schon mit einer anderen Haltung, einer anderen Sensibilisierung und einem anderen Problembewusstsein unterwegs sind. Nur, wenn das gelingt, dann hat es eine Chance auf Veränderung in dem Feld. Die reine Information, die Produktion von Evidenz reicht nicht, dafür sind die Abwehrmechanismen zu stark. Aus diesen Erfahrungen heraus ist bei mir das starke Bedürfnis entstanden, Materialen für die Ausbildung zu entwickeln.

Wie sind Sie da vorgegangen?

Angetreten war ich mit der Fantasie, dass ich das quasi im Elfenbeinturm mache: Ich sah mich in meinem schönen Arbeitsraum sitzen, den mir die wunderbare Nürtingen Grundschule  am Mariannenplatz in Berlin zur Verfügung gestellt hat, und in Ruhe für mich allein lesen, sammeln und schreiben. Als ich dann tatsächlich nach Berlin kam, merkte ich in kürzester Zeit: In der Stadt gibt es viele Projekte und Gruppen, die an ähnlichen Fragen arbeiten. Da wurde mir sofort klar: So etwas kann man gar nicht allein entwickeln. So etwas muss man in ständigem Dialog, Abgleich und Austausch, die Wissenschaft nennt das kommunikative Validierung, entwickeln und voran bringen. Sonst geht das gar nicht.

So bestand gut die Hälfte da drin, mit anderen Menschen zu sprechen, Fragen zu stellen, Erfahrungen auszutauschen, von anderen zu lernen, aber auch Material zu recherchieren, das es schon gibt

Warum genau ist dieser Austausch so wichtig?

An das Strukturelle kommt man nur heran, wenn man kollektiv arbeitet. Eine Person allein verbrennt und wird zu einer heroischen, einsamen Figur, deren Scheitern quasi vorher bestimmt ist. Es muss also eine kollektive Anstrengung geben: Je mehr Menschen wir dafür gewinnen, desto besser. Und das zweite, das ist genauso wichtig, ist: Wenn wir uns im Bereich der Diskriminierungskritik befinden, dann arbeiten wir immer mit Wissen, das in Zusammenhängen mit und von Akteuren produziert wird, die von Diskriminierung betroffen sind. Wenn ich mich jetzt mit meiner privilegierten Position, als Mercator Senior Fellow, Forschungsinstitutsleiterin und Professorin da drauf setze, mir das aneigne und das quasi als alleinige Autorin veröffentliche, dann wiederhole ich Teile der bestehenden Diskriminierungsstrukturen. Das bedeutet, ich muss bewusst dafür sorgen, dass die Menschen, von denen ich das Wissen bekomme, entschädigt werden. Sowohl monetär, als auch im Crediting.

Was waren die Ergebnisse?

Ich habe vier Dimensionen identifiziert, die eine diskriminierungskritische Praxis an der Schnittstelle von Bildung und Kunst in den Blick nehmen muss: Haltung und Perspektive (Durch welche Brille schaut man auf die Welt), Kanon (bspw nur europäisch?), Strukturen (Arbeitsbedingungen und Zusammensetzung von Teams), und Methoden.

Ein anderes wichtiges Ergebnis war es, eine geeignete Sprache zu finden: Das Lernmaterial hat den Anspruch, dass jede Person, egal über welche Diskriminierungserfahrungen sie verfügt, welche Privilegien und welche Benachteiligungen sie hat, einsteigen kann und sich angemessen angesprochen fühlt. Es braucht zudem eine Sprache, die weder gängelt, noch belehrt, sondern die Lernenden als Gegenüber ernst nimmt. Wichtig ist: Die Materialien sollen funktionieren, ohne, dass ich dabei bin. Ich werde ja nicht zur Handlungsreisenden in Sachen Weiterbildung.

Das dritte Ergebnis war es, eine Gesamtstruktur für die Materialien zu finden: Vier Sets von Lernkarten und das Konzept für ein Arbeitsbuch

Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt bin ich zunächst einmal zurückgekehrt an meinen Arbeitsplatz als Leiterin des Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste. Aber ich habe das Angebot für eine Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst in Wien von Herbst 2018 bis Sommer 2019. Das werde ich nutzen, um gemeinsam mit Studierenden Dinge auszuprobieren, die Materialien zu finalisieren und ein Curriculum zu entwickeln. Denn mein Wunsch ist es, dass das Ganze nicht nur Lernmaterial für eine Weiterbildung ist, sondern einen Master für Critical Diversity Literacy in Arts Education zu verankern.

Würden Sie das Mercator Fellowship weiter empfehlen?

Das Fellowship war für mich eine sehr ungewöhnliche Erfahrung, weil die Stiftung mir tatsächlich konsequent den Freiraum gegeben hat, den ich mir gewünscht habe. Das hat mich extrem positiv überrascht.

Jetzt habe ich den Eindruck, die Grundsteine, die ich in diesem Projekt legen konnte, bieten das Potenzial für viele weitere Jahre an intensiver und wirkungsvoller Arbeit. Das ist toll.

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