Al Mercato-Workshop: Unterm Strich - Bilder und politische Kommunikation

Können Bilder Instrumente politischer Kommunikation sein und wenn ja, wie? Antworten gab es am 30. Oktober 2013

Sind Bilder, Illustrationen und Karikaturen nur Unterstützung von Text oder sind sie doch mehr? Kann politische Kommunikation sich noch stärker der Kraft und der andersartigen Vermittlungsmöglichkeiten von Bildern bedienen? Diesen und weiteren Fragen stellte sich der Al Mercato-Workshop „Unterm Strich – Bilder und politische Kommunikation“ mit dem internationalen Illustrator, Grafiker und Cartoonist Christoph Niemann im ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator.

Die Arbeiten des renommierten Künstlers erscheinen unter anderem in The New Yorker, Atlantic Monthly, The New York Times Magazine und American Illustration – dort in erster Linie auf Meinungsseiten. Niemann ging nach seinem Studium in Stuttgart nach New York, wo er als Illustrator Fuß fassen konnte. Alle Medien berichteten beispielsweise über die Lewinsky Affäre, doch außer einem Foto, auf dem sich Clinton und Lewinsky umarmten, gab es kein weiteres Bildmaterial. Die Nachfrage nach Illustrationen war dementsprechend groß.

Wie Niemann in seinem Vortrag berichtete, kommt es ihm bei seiner Arbeit vor allem darauf an, in seinen Illustrationen nicht das zu wiederholen, was im Text bereits gesagt wurde. Wort und Bild sollten sich komplementieren, ansonsten würde es schnell langweilig, so Niemann. Sein Tipp deshalb: „Don’t overkill the joke by giving too much information“. Zudem sei es wichtig, komplexe Inhalte auf ein einfaches Bild zu kondensieren, damit der Leser sofort einen Zugang bekomme. Die Kunst in der politischen Diskussion sei es außerdem, den Leser mit den Bildern aus der Reserve zu locken und zur Selbstreflektion anzuregen.

Auch die Frage nach dem Wandel von Illustration und Bild in Zeiten von Social Media wurde beleuchtet. Niemann betonte hier, dass dieser Wandel auch seine Berufsausübung beeinflusst. Gerade innerhalb der zunehmenden Flut von Bildern sei es seiner Auffassung nach wichtig, einerseits als Illustrator auch im Bereich animiertes Bild etwas beitragen zu können, anderseits in punkto Art Direction selbstbewusst und mitunter mutig einen eigenen Stil kontinuierlich vertreten zu können. Hier empfindet der Künstler einen deutlichen Unterschied zwischen dem Selbstverständnis mancher US-Printmedien und den sich stetig wechselnden Trend-Diktaten beugenden deutschen Medien, die sich nach seiner Erfahrung viel zu sehr nach dem vermeintlichen Geschmack erhoffter Zielgruppen richten.

Die Rolle des Visuellen in der Kommunikation wurde aber auch von einer anderen, nicht minder relevanten Seite beleuchtet: aus dem Blickwinkel der Blogger und Netzaktivisten in China, die durch die Wahl von Bildern anstelle von Wörtern der Zensur und dem damit einhergehenden automatisierten Keyword-Filter entgehen können.

Magazine wie „Brand Eins“ oder das „Zeit“-Magazin seien positive Beispiele, die das richtige Selbstbewusstsein im Umgang mit Bildern hätten, doch andere wichtige Magazine würden ihr Potential im Bereich Illustration und visuelle Gestaltung leider kaum nutzen, so Niemann. Auch für die Kommunikation, insbesondere die politische Kommunikation von NGOs, sieht er großes ungenutztes Potential, um das geschriebene Wort zu ergänzen. Auch wenn der Illustrationsbereich vielen Entscheidungsträgern bisher nicht ganz „geheuer“ sei, sollten diese sich generell vermehrt trauen, Neues zu testen, ermutigte Niemann abschließend. Es gäbe zwar ein immer größer werdendes Verständnis für die Möglichkeiten von Illustration, doch dieses sei noch ausbaufähig. Insgesamt könnte und sollte in Deutschland weit mehr auf die Möglichkeiten des Visuellen gesetzt werden, so Niemann.

Zur Person:
Christoph Niemann ist Illustrator, Grafiker, Cartoonist und Autor. Seine Arbeiten erschienen unter anderem in The New Yorker, Atlantic Monthly, The New York Times Magazine und American Illustration. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe, seiner innovativen Erzählweise und seinem unnachahmlichen Humor setzt er wie kaum ein anderer Autor unseren Alltag treffsicher in Szene. Seit 2008 schreibt und illustriert Niemann den Blog der New York Times Abstract City, der seit 2011 beim New York Times Magazine unter dem Titel Abstract Sunday beheimatet ist. Niemann ist Autor verschiedener Bücher. Sein jüngstes Projekt ist die interaktive App „Petting Zoo“.

Geschichten aus dem Projekt

Videos

Social Media-Element anzeigen (Mehr über Datenschutz und Social Media)
Mehr auf YouTube