Al Mercato-Workshop: Einmal Wissenschaft, Politik und zurück

Hermann E. Ott am 9. Juli 2014: Von einem Wissenschaftler, der in die Politik zog und wieder zurückkam

Ein Wissenschaftler geht in die Politik und kommt zurück. Wie sieht er die viel diskutierte Schnittstelle Wissenschaft – Politik? Science-Policy-Interface, von einem Praktiker erklärt – darum ging es beim Al Mercato-Workshop mit Hermann E. Ott vom Wuppertal Institut.

Mit der Vorbemerkung, dass eine Verzahnung von Politik und Wissenschaft durch die zunehmende Komplexität unserer Zivilisation, die für den Einzelnen kaum zu überblicken ist, nie wichtiger als heute gewesen ist, eröffnete Ott seinen Impulsbeitrag. Er stellte vier Thesen auf und betonte, dass diese „ein Destillat praktischer Erfahrungen seiner Zeit im Bundestag zwischen 2009 und 2013“ sind und ebenso radikal wie unvollständig.

1. These: Das Verhältnis Politik – Wissenschaft ist geprägt von Vorurteilen und Missverständnissen.

Laut Hermann E. Ott halten Politiker Wissenschaftler oftmals für „Nerds", politisch naiv und unerfahren. Wissenschaftler hingegen seien nicht selten der Ansicht, dass Politiker „hormongesteuerte Machiavellisten" sind, deren Meinungen „biegsamer sind als ein Schilfrohr“. Natürlich gebe es innerhalb der Professionen eine enorme Bandbreite an „Intelligenzen“. Wir finden den instinktiv agierenden Politiker ebenso wie den hyperintelligenten Analysten, so Ott. Wir fänden  den mäßig begabten Professor, der aufgrund von Protektion oder Fleiß zu seiner Stellung gekommen ist, aber auch den brillanten Geist, der imstande ist, die komplizierteste Materie zu durchdringen.

Forderung: Mehr Toleranz und Einsicht in die unterschiedlichen Kontexte des Handelns. Die Chancen dafür sieht Ott jedoch als gering.


2. These: Wissenschaft und Politik sind zwei unterschiedliche Subkulturen mit unterschiedlichen Werten, Strukturen und Codes.

Wissenschaftler halten sich, laut Ott, für objektiv, ihre Aussagen beanspruchen Autorität und Allgemeingültigkeit. Politiker würden sich für „im Leben stehend“, dem Volk verbunden und verantwortlich halten. Tatsächlich sei die Verantwortlichkeit sehr unterschiedlich: In der Politik Beschäftigte müssten sich regelmäßig Wahlen stellen und würden abgestraft, wenn sie sich zu weit vom Mainstream entfernen. Akteure der Wissenschaft seien dem Verfahren, ihren Mitstreitern und ihren Drittmittelgebern gegenüber verantwortlich.

In Deutschland sei die Kluft größer als in anderen Ländern, da die Subkulturen verhältnismäßig geschlossen seien und Wechsel selten stattfinden würden. Käme ein Wechsel von Wissenschaft in die Politik oder vice versa vor, dann meist als Einbahnstraße, Rückwechsel seien kaum vorgesehen.

Forderung: Jeder solle Verständnis für die jeweiligen Regeln und Codes der anderen Gruppe entwickeln.


3. These: In Wissenschaft und Politik gelten unterschiedliche Vorgaben.

Unterschieden werden müsse u.a. danach, in welcher geistigen Tiefe und gedanklichen Durchdringung sich die Protagonisten Problemen widmen können. Es sei ein Privileg der Wissenschaft, sich in Ruhe mit einem Problem befassen zu können, es gedanklich zu durchdringen und eine Lösung zu erarbeiten.

Im Politischen reduziere sich die Möglichkeit der gedanklichen Durchdringung auf wenige Momente. In die Tiefe zu gehen, sei praktisch unmöglich. Ott selbst empfand das Niveau der Diskussionen im Bundestag häufig als nicht sehr hoch; die Bandbreite der abzudeckenden Themenfelder und die Menge an Informationen hingegen als enorm. Mit Otts Worten: Was Wissenschaftler in der Tiefe leisten, bringen Politiker in der Breite.

Forderung: Wenn Ergebnisse der Wissenschaft Gehör finden sollen, dann müssen sie kurz und prägnant formuliert werden.


4. These: Der Wissenschaft fehlt in der Regel das Prozesswissen und sie verfehlt oft den Adressaten.

Wissenschaftler wüssten häufig nicht, wie der Gang der Gesetzgebung im Bundestag verläuft und wie in Brüssel oder auf kommunaler Ebene vorgegangen werden muss. Wissenschaft habe hier eine Holschuld, wenn es um erforderliches Prozesswissen zur Beeinflussung politischer Entscheidungen geht. Wer dieses nicht habe, wisse nicht, wie viel Zeit er zur Darstellung einer Sachlage erhält, oder auch, welche Möglichkeiten der Reaktion auf Aussagen anderer Experten es gibt.

Wesentlich sei, dass Akteure der Wissenschaft häufig dem Irrtum erliegen würden, es reicht, wenn eine Information bekannt ist, dass das Wissen oder die Erkenntnis also quasi bereits den Keim der Umsetzung in sich trägt.

Forderung: Projektgeber sollten von vornherein die Einbeziehung von sachkundigen Praktikern einplanen. Jedes Projekt kann eine Praxiskomponente beinhalten – z. B. zu Projektabschluss einen Workshop mit Praktikern aus dem jeweiligen Kontext.

Nachbemerkung

Wenn Politik den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügen solle, müssen wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, wie auf individueller und institutioneller Ebene Wissenschaft und Politik besser verzahnt werden könne. Diese Thesen bieten eine erste Anregung.  

Hermann E. Ott nimmt Rückfragen und Anregungen gerne per E-Mail entgegen: Hermann.Ott@remove-this.wupperinst.org.