Über das politische Geschehen erfahren junge Menschen mehrheitlich über
Social-Media-Kanäle wie Instagram und TikTok. Dabei vertrauen sie politischen Influencer*innen mehr als politischen Organisationen oder Institutionen oder den Politiker*innen selbst. Angriffe auf politische Gegner*innen werden häufiger angesehen. Das heißt aber nicht, dass sich damit auch Zustimmung ausdrückt.
74 Prozent der jungen Menschen in Deutschland nehmen politische Informationen über Social Media auf. Danach folgen Schule (60 Prozent) und Familie (58 Prozent) oder Freund*innen (54 Prozent). Zeitung oder TV werden dafür nur von 46 Prozent der befragten Menschen genutzt. 38 Prozent folgen gezielt Parteien oder Politiker*innen, während die Mehrheit (60 Prozent) politischen Influencer*innen folgt. Die Hälfte der jungen Nutzer*innen gibt an, politische Inhalte häufig über den algorithmisch selektierten Feed zu sehen. Das sind einige zentrale Ergebnisse der neuen Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ vom Berliner Think-Tank Das Progressive Zentrum in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung, gefördert von der Stiftung Mercator.
64 Prozent der jungen Menschen sind der Meinung, dass die Plattformen ein guter Ort sind, um ihre Generation zu erreichen. Etwa die Hälfte von ihnen geben an, die niedrigschwelligen Kontaktmöglichkeiten auf Social Media zu schätzen (z.B. Fragen stellen, andere Ansichten hören). Allerdings nehmen nur 17 Prozent selbst an Online-Diskussionen teil und nur jede*r Fünfte liked oder kommentiert politische Beiträge.
Die politischen Topthemen auf Social Media
Mehr als jedes dritte Politikvideo auf TikTok oder Instagram drehte sich im zweiten Halbjahr 2024 um Regierung und Verwaltung (21 Prozent) oder Wahlen (17 Prozent). Diese Topthemen beziehen sich vergleichsweise selten explizit auf die Bedürfnisse und Perspektiven junger Menschen (-5 Prozent-Punkte). Videos über Migration wurden im Schnitt rund 11 Prozent häufiger angesehen. Welche Haltung dabei zum Ausdruck kommt, wurde nicht erfasst. Auch Beiträge zu Wahlen (+8 Prozent) und Videos ohne politischen Bezug (+9 Prozent) steigerten die Reichweite signifikant. Negativ wirkte sich dagegen der Fokus auf Sozialpolitik (-7 Prozent), Umwelt (-18 Prozent) und Bildung (-17 Prozent) aus. Das Thema spielt auf den Plattformen selten eine Rolle (3 Prozent Bildung), hat aber überdurchschnittlich häufig einen expliziten Jugendbezug (+9 Prozent-Punkte). Dafür haben Videos über Bildung jedoch eine deutlich geringere Reichweite (-17 Prozent).
Positive Selbstdarstellung und Angriffe auf den politischen Gegner
Knapp 70 Prozent der Beiträge enthalten eine positive Selbstdarstellung. 35 Prozent enthalten Angriffe gegen politische Gegner. Auf Instagram wird um fast 20 Prozentpunkte häufiger Eigenlob eingesetzt als auf TikTok, während hier um 15 Prozentpunkte häufiger attackiert wird. Angriffe werden im Schnitt rund 40 Prozent häufiger angesehen als vergleichbare Inhalte ohne solche Angriffe. „Ansehen“ (views) ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Zustimmung. Die Befragung zeigt, dass junge Menschen Angriffe kritisch sehen und es ablehnen, in Kurzvideos über andere herzuziehen.
Interaktion auf Social Media ist essenziell für demokratischen Diskurs
Die Studie zeigt: Für Politiker*innen ist die Präsenz auf TikTok und Instagram heute ein Muss, denn beides sind die zentralen Orte politischer Information für junge Menschen. Es ist unbedingt notwendig, ihre derzeitige Lebenswirklichkeit ernst zu nehmen und in der politischen Kommunikation daran anzuschließen. Gerade wenn es um die Zukunft geht, sollte es nicht abstrakt und alltagsfern klingen. Kurzvideo-Formate können dabei echte Interaktion und damit essenziellen demokratischen Diskurs zwischen Politik und Jugend ermöglichen.
Die Plattformen sind längst nicht mehr bloß Orte der Unterhaltung, sondern genauso Schauplätze für politische Informationen, Meinungsbildung und Interessenvertretung. Auch online gilt: Erfolgreiche politische Kommunikation richtet sich an die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe.
Zusatzinformationen
Für die Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ von Das Progressive Zentrum in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung, gefördert von der Stiftung Mercator wurden in einem Zeitraum von Juni bis Dezember 2024 rund 31.000 Videos auf den Social-Media Plattformen TikTok und Instagram KI-gestützt ausgewertet. Dabei wurden 1.976 politische Accounts (inkl. politischer Behörden, Influencer*innen und verschiedener politischer Ebenen) von einem wissenschaftlichen Team der Johannes Gutenberg-Universität Mainz um Dr. Pablo Jost analysiert. Gleichzeitig basiert die Studie auf einer repräsentativen Umfrage unter 1.748 jungen Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, die das Meinungsforschungsinstitut pollytix strategic research gmbh durchgeführt hat.
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